reflections

Bühne frei zum Rosenkrieg


Zu früh gefreut! Das dachte ich mir schon…

Nachdem Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt im Juni brav den vollen Unterhalt ( „unter Vorbehalt" ) für mich und die Kinder in Höhe von € 785,00 bezahlt hat, dachte ich es sei alles geregelt.

Falsch gedacht.

Der Juli ist noch keine Woche alt, da überweist er nur noch knapp fünfhundert und ein paar Zerquetschte. Im Überweisungszweck steht was von einer Handyrechnung und die KFZ-Haftpflicht meines Wagens im Voraus.

Aha, der Herr geruhte ungefragt ein paar Rechnungen in Abzug zu bringen.

 

Nur damit eines klar ist: Ich zahle meine Zeche. Ich würde nicht im Traum daran denken, meinen Exmann mehr zu kosten als nötig. Aber zum einen handelt es sich um Verträge, die er selbst abgeschlossen hat und zum andern liegen mir über seine wilden Abzüge nicht einmal Belege vor.

Meine Planung sah vor, mich um einen neuen Haftpflichtversicherungsvertrag zu kümmern, sobald ich die Renovierung und die Urlaubsvertretung hinter mir habe. Das dürfte so ungefähr im August der Fall sein. Auch ein neues Handy samt Vertrag sollte dann her. Es ist mir im höchsten Maße unangenehm, dass Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt monatlich meine Handyrechnung samt allen Verbindungsnachweisen erhält. Aber im Moment bin ich so gut ausgelastet, dass mir für solche Kleinigkeiten schlicht die Zeit fehlt.

Da ich es leid bin, sein zahlungsunwilliges Gehabe dem Amt, dem Anwalt und weiß Gott wem noch alles zu erklären, hätte ich ihm derartige Kosten lieber separat überwiesen oder bar gezahlt. Es ist mir einfach nur noch peinlich. Ich schäme mich für diesen Mann.

Reicht es nicht schon, dass er aus Kleinlichkeit in jeder Überweisung an mich „unter Vorbehalt“ schreibt? Und dann tippt er als Zahlungsempfänger auch noch meinen Mädchennamen hinein… Ganz ehrlich: Was soll das??

 

Ich schrieb ihm gestern abend eine ziemlich angepisste SMS. Weil er Frühschicht hat, wird er sie heute morgen erst gelesen haben. Er hat es auch nicht versäumt genauso angepisst zu antworten. Er drohte sofort mit der Kündigung der Haftpflicht und dass er kommt und mir die Nummernschilder abreißt. Er wolle nun auch die private Haftpflicht unserer Kinder kündigen und ebenso meinen Handyvertrag. Ich dagegen drohte ihm, er könne dann ab sofort seinen Umgang mit den Kindern alleine hinkriegen (und selber Windeln wechseln).

Der Wortwechsel ging ein paar mal hin und her und ein böses Wort gab das andere.

Schließlich rief er sogar an, weckte damit alle Kinder, nur um mir zu erklären, dass er nur noch 30,00 € zum Leben hätte und dass ich ihm einst sogar angeboten hatte freiwillig auf Trennungsunterhalt zu verzichten und so weiter.

„Moment mal“, antwortete ich ihm, „du hast immerhin das Erbe deines Vater ausgezahlt bekommen. Also kann es dir auch nicht so schlecht gehen!“

Den Trennungsunterhalt wollte ich ihm ursprünglich tatsächlich wieder zurück erstatten, sofern ich es ohne diese € 285,00 schaffe mich über Wasser zu halten. Da aber mein Wohngeldantrag noch nicht beschieden ist, muss dieses Thema aber noch warten. Das habe ich ihm schon einmal versucht zu erklären, aber er will es nicht verstehen oder er ist zu dumm dazu – keine Ahnung, ich bin sauer.

Aber er ließ mich kaum zu Wort kommen und fuhr mich an, dass er Gehaltsnachweise über meine Überstunden haben wolle.

„Meine Überstunden bekomme ich nicht ausbezahlt. Sie verschwinden in den beiden Darlehen, die ich aufnehmen musste, um mich neu einzurichten.“

Diese Kosten hätten eigentlich zur Hälfte meinem Ehemann zufallen müssen, wenn wir einen gerechten Ausgleich vorgenommen hätten. Er hat nämlich unsere gesamte Einrichtung behalten, während ich für knapp viertausend Euro einen kompletten Hausstand mit allem Zubehör aus dem Boden stampfen durfte. Aber diese meine Gutmütigkeit konterte er lediglich mit den Worten: „Du hast doch die Trennung gewollt!“

„Ja. Und ich kümmere mich ja auch um alles. Aber von dir höre ich nur noch mi-mi-mi-mi und auf dieses Gejammer kann ich getrost verzichten!“  - Da legte er auf  -

 

Er schickte zwar noch eine giftige SMS hinterher, aber ich war es müde darauf einzugehen und beruhigte lieber die Kinder.

Momentan schlafe ich zusammen mit Sternchen und Honigdachs im Gästezimmer meiner Mutter.

Poor-Angel betreut ihre Lieblings-Enkel während ich Überstunden schiebe und renoviere.

 

Noch vor dem ersten Kaffee erzählte ich ihr, was zwischen Tau und Tag schon alles los war.

Sie ist auch voller Mitgefühl für mich und meine Lage. (Ihre eigene Scheidung liegt noch nicht lange zurück)  Zwischen uns herrscht offenkundiges Einvernehmen darüber, dass alle Männer doof sind und wir Frauen arme Schweine.

Trotzdem sind wir bemüht, die Kinder außen vor zu halten und reden darum nur sehr verhalten über die ganze Misere.

 

Falls Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt seine Drohung wahr macht und die Scheidung einreicht, um mir damit die Kosten der Krankenversicherung für mich und die Kinder aufzubürden (die für ihn übrigens kostenlos ist), werde ich ein Ass aus dem Ärmel zaubern, welches ich Poor-Angel zu verdanken habe. Sie war es nämlich, die mir vor der Eheschließung den Kontostand kräftig angehoben hat, damit ich als wohlhabende Frau in die Ehe eingehe. Natürlich bin ich alles Geld wieder rechtzeitig los geworden und als verarmte Frau am 31.05.2018 aus seiner Wohnung ausgezogen.

Wenn er mir also ans Leder will, geht’s an seine eigene Haut!

 

Der arme Mann ist übrigens heute morgen abgereist. Nachdem er mir erklärt hat, dass er für Honigdachs‘ zweiten Geburtstag keinen Urlaubstag bekommt, ist er für ein verlängertes Wochenende Richtung München zu irgendeinem Treffen gefahren, um sich zu besaufen.

 

Mir geht immernoch nicht aus dem Sinn, dass er mir meine Überstunden vorwirft.

Ich hätte ihm genauso gut seine ganzen Nebenjobs vorwerfen können, die ich in der Unterhaltsberechnung untern Tisch hab fallen lassen, um ihn zu entlasten.

 

Ach, Männer sind so doof doof doof!!!

 

 

 

 

 

 

6.7.18 16:36, kommentieren

Frau steht Mann - Mann bleibt sitzen



Seit Beginn diesen Monats versuche ich also auf die Füße zu kommen.
Ich habe eine renovierungsbedürftige Wohnung zu günstigen Konditionen ergattert und arbeite wieder Vollzeit. Das wirft gleich zwei Probleme auf: Wer hütet meine Kinder und wann renoviere ich meine Wohnung?
Die Lösung liegt nahe: Hotel Mama

Poor-Angel bietet mir und den Kindern Obdach und betreut Honigdachs und Sternchen, während ich arbeite. In den Mittagspausen fahre ich in die Wohnung um zu renovieren. Seit mittlerweile 28 Tagen führe ich eine Art Tagebuch, bzw. Dokumentation über meine Fortschritte. Das heißt, ich schieße täglich ein Foto von meinem Projekt und schreibe in Facebook einen Beitrag dazu.
Es sind nur kleine Fortschritte. Aber wie heißt es so schön: Jeder Handgriff ist ein Sieg über das Chaos.
An einem Tag schaffe ich es eine Tapetenbahn abzureißen. Manchmal baue ich auch einen Schrank zusammen oder schleppe Kartons in meine Baustelle.
Mein Vermieter muss mich langsam für verrückt halten. Da bezahle ich für eine Wohnung, die ich nicht mal bewohne. Ich komme nur zum Krachmachen vorbei und verschwinde dann wieder.
Aber immerhin: Ich habe jetzt eine Waschmaschine, einen Kühlschrank, einen Gasherd, eine Spüle, eine Spülmaschine, eine Gefriertruhe und ein Doppelstockbett für die Kinder.
Eine ansehnliche Reihe Schränke und Kommoden sind auch schon zusammengeschraubt. Von dem Muskelkater in meinen Unterarmen brauche ich gar nicht zu sprechen! Mann, ich brauche endlich einen Akkuschrauber!
Am meisten bin ich jedoch von mir selbst überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass mir solche Dinge gelingen würden. Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt hat immer so ein großes Bohei um Männerarbeiten gemacht, dass ich wirklich Berührungsängste hatte. Ich hätte fast meine Bohrmaschine fallen gelassen, als sie das erste mal "Summm" gemacht hat. Ich bedaure es so sehr, dass ich mir nie das nötige technische Verständnis und das handwerkliche Geschick angeeignet habe, welches ich jetzt so schmerzlich misse.
Aber gut. Es geht auch ohne. Es dauert nur alles sehr sehr lange und ich bin so ungeduldig mit mir selbst und der ganzen Situation.

Abends nach der Arbeit habe ich noch weniger Zeit. Da düse ich dann zu meiner Mutter, um ihr die Kinder abzunehmen. Poor-Angel hat schlimm mit ihrer Arthrose zu kämpfen und quält sich darüber hinaus seit Monaten mit einem chronischen Husten. Die Kinder fliegen nahezu in meine Arme, kaum dass ich zur Tür herein komme. Es ist auch für sie eine ungewohnte Situation, mich den ganzen Tag nicht zu sehen.
Es tut mir so leid, ihr Süßen.

Jetzt wäre eigentlich der Vater gefragt, aber Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt hat es nicht versäumt, bei seinem einmaligen Besuch den Kindern lauthals einzutrichtern, dass er jetzt noch viel mehr arbeiten müsse, weil er wegen dem Unterhalt kein Geld mehr hat.
Oh, der arme Mann! Der arme Mann mit den 3 Autos und den 3 Motorrädern und dem großen Haus. Der arme Mann, der im Februar das Erbe seines verstorbenen Vaters ausgezahlt bekommen hat. Der arme Mann, der selbst beim Mindestunterhalt in die Überweisung schreiben musste: "unter Vorbehalt"!
Nächste Woche fährt er auf eines seiner Treffen. Keine Ahnung welches. Er lässt keine Party aus - egal ob Opel-Treff, Oldtimer-Treff, Manta-Club, Militaria-Stammtisch, H2-Party, Beschleunigungsrennen, Falken-Motorradclub-Party oder was auch immer. Eben erst war er eine Woche zur Kawasaki-Ausfahrt in Norwegen gewesen. Bald ist er auch wieder eine Woche in Österreich.
Der arme Mann, der noch nie seiner Familie einen Urlaub spendiert hat.
Der arme Mann, der jede Woche mehr und mehr Uhren bestellt.

Warum muss er nur immer wieder die Kinder da mit rein ziehen??
Ich habe schon gar keine Lust mehr mich zu rechtfertigen. Dieses Geplänkel kann er sich ebensogut sparen.

Trotzdem ist es schon ulkig: Während ich versuche zu lernen wie ich selbst meinen Mann stehe, lässt er sich hängen und redet sich selber und allen anderen den größten Quatsch ein, statt dass er mal lernt "seine Frau zu stehen". Soll er doch mal liebevollen Umgang pflegen oder lernen etwas zu Essen zu kochen, das nicht nach Fertigpizza schmeckt. Er könnte meiner Mutter auch mal außerhalb der gesetzlichen Umgangszeiten die Kids abnehmen. Aber nein - er jammert lieber.
Er stürzt sich in seine Arbeit und seine Hobbys, weil ihm das vertraut ist und es keiner größeren Anstrengung bedarf. Ich würde es besser finden, er würde mal ein paar Augenblicke zur Ruhe kommen und in sich gehen. Vielleicht würde er zu der Erkenntnis gelangen, dass er an seiner Lage selbst schuld ist?

Aber genug davon.

Ich will mich nicht unnötig kasteien.
Den Kindern geht es gut. Sie sind lebendig und gesund und in liebevoller Obhut. Die Zeiten werden sich auch wieder ändern und dann werde ich wieder öfter da sein.
Und die Schulden? Naja, gut ich habe zwei Darlehensverträge laufen und muss nun ein paar Jahre Überstunden sammeln, um die zweitausend Euro wieder zurück zahlen zu können. Aber früher oder später wird auch das keine Sorge mehr sein.
Und meine Never-Ending-Baustelle? Ja, mein Gott, das schaffe ich auch noch. Es darf ruhig dauern so lange es will - Hauptsache es wird perfekt. Das ist mir das wichtigste: mein eigener Stil. Alles wird so schön. In meinem Kopf habe ich schon sehr genaue Vorstellungen.

Ich bin schon so weit gekommen.
Alles andere wird sich weisen.

Ich bin sicher, andere Leute haben ähnliches schon überstanden.

 Was mache ich mir Sorgen!





3 Kommentare 28.6.18 21:13, kommentieren

Zu viel Medizin, Mann!

 In einer Welt voller Reizüberflutungen und Medienkonsum-Völlerei muss auch ich dann und wann mein Handy weg legen und blicklos meine Gedanken ordnen. Ich fühle mich zu oft verwirrt und desorientiert und es dauert, bis ich abschalten und wieder zu mir kommen kann. Vielleicht ist das auch einer der Gründe warum ich nur W-LAN-gebundenes Internet auf meinem Handy habe und unterwegs anderen Tätigkeiten nachgehen muss, wie etwa Sudokus oder eben Meditation.Nun trug es sich zu, dass ich vergangene Woche mit einer Autopanne auf der A66 liegen geblieben war.Nachdem sich die erste Panikattacke gelegt hatte und sich mein Tunnelblick wieder klärte, hatte ich massenhaft Zeit zum Grübeln. Ich dachte über mich nach und über meine gescheiterte Ehe mit Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt.Ich dachte daran, dass er noch immer nicht verstehen will, warum ich ihn verlasse und dass er mich mit dieser Masche  immer wieder in Selbstzweifel und Rechtfertigungen stößt. Ich bin es leid, meinen Wortlaut permanent zu wiederholen, wenn er mir vorwürft, ich wäre selbstsüchtig und es ginge mir nur um eine kunterbunte Wohnung. Doch als ich auf der Leitplanke saß und mir das Seitenstreifen-Gemüse so anschaute, überkamen mich die poetischsten Versinnbildlichungen:  Eine Ehe ist……wie ein junges Pflänzchen. Aber keiner weiß so recht was mal draus wird. Man kann sich gegenseitig vorwerfen, wer es mehr pflegt als der andere oder wie oft man es gießt und umsorgt. Der Ehe-Pflanze selbst ist es egal, wer sich kümmert. Solange einer es tut, wird sie schon nicht eingehen. Man kann sich jedoch nicht vorwerfen, was für eine Pflanze es dann tatsächlich wird. Ist sie ungenießbar oder gar giftig, dann hat keiner Schuld daran. Dann hat es einfach nicht sein sollen.In unserem Fall funktionierte die Ehe. Aber sie schmeckte bitter.Mein Mann ist da schmerzunempfindlicher als ich. Solange sie ihren Zweck tut, ist es ok. Und für jemanden der ständig viel und oft Bier und Schnaps in sich rein kippt, ist ein bitterer Beigeschmack durchaus ganz annehmbar. Mir kommt es vor, als müsste ich täglich Medizin runterwürgen, wo andere glücklich Beeren vom Strauch picken und sich gegenseitig zwischen die Lippen schieben. Ich bin nicht neidisch auf das was andere haben. Aber ich sehne mich nach eine Neuordnung in meinem Leben. Nun ergreife ich diese besondere Chance, ein neues Pflänzchen zu setzen. Es erfordert mehr Mut als Leichtsinn, denn auch hier weiß ich wieder nicht, was draus wird – nur mit dem Zusatz, dass ich meine zwei kleinen Kinder mit in die Ungewissheit reiße.  Lieber Gott, lass mich nicht scheitern.

11.6.18 06:10, kommentieren

Der wahren Liebe Schluss

Nachdem ich meine vergangenen Einträge noch einmal gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich immer wieder auf das Drama mit der Heizung zu sprechen kam. Nicht dass meine Wiederholungen jetzt den Eindruck erwecken, dass unsere Ehekrise allein auf dem Heizverbot fußt.

Es gab auch genug andere Verbote und Regeln.

Um ein paar Beispiele zu nennen:

Ich durfte kein unnötiges Licht brennen lassen.

Ich durfte weder Räucherstäbchen noch Duftkerzen anzünden.

Ich durfte an seiner Garderobe nichts verändern (er hat einen furchtbaren Mode-Geschmack. Er trägt im Schwimmbad noch heute stolz seinen winzigen Bade-Slip. Als Abendgarderobe dienen ein langweiliger Pulli und eine Jeans aus den 80ern. Das T-Shirt wird prinzipiell immer tief in die Hose gestopft und ein mächtiger Gürtel mit riesenhafter Koppel MUSS das auch noch betonen. Ohne eine nicht weniger gewaltige mechanische Armbanduhr fühlt der Herr sich ebenfalls nackig. Und die Flat-Top-Frisur wird noch am Tag seiner Beerdigung so schnurgerade getrimmt sein, dass man getrost die Uhr danach stellen kann...) An unserer Hochzeit trug er den Anzug den er mit seiner Ex-Verlobten gekauft hatte (für eine Hochzeit, die nie statt fand. Sie hat ihn wenige Tage vor der Trauung verlassen) Nicht einmal eine andere Krawatte konnte ich ihm abverlangen!

Aber weiter im Text...

Ich durfte keine Scheuerschwämmchen oder Scheuermilch benutzen, weil es Oberflächen angreift. Putzen sollte ich aber trotzdem...

Ich durfte nicht auf der Lehne der Couch sitzen. (Oh Gott, die gute Couch!! Selbst die Sitzfläche darf ich nicht direkt berühren - es liegt immer eine Decke darauf, damit die gute Couch ja keinen Schaden nimmt)

Ich durfte in seiner Wohnung kaum etwas anfassen. Wenn ich bei der Suche nach einem Locher zufällig über seine privaten Ordner mit irgendwelchen Unterlagen gestolpert bin, war das ein Gefühl, als hätte ich versehentlich die Schmuddelhefte meines Vaters entdeckt. Voller Panik schnell alle Spuren verwischen und das Geheimnis mit ins Grab nehmen!

Ich durfte nicht mit Metall-Löffeln im Topf rühren, weil die Töpfe sonst Kratzer kriegen. Andersherum hat er meine scharfen Küchenmesser alle in der Spülmaschine geschrottet...

Ich musste auf unseren Esstisch aufpassen. Die Speisen darauf durften nicht zu heiß sein. Eine Pizza hat einmal durch den Lieferkarton hindurch kreisrund den Lack des Tisches versengt. Seither liegen schichtweise eine abwaschbare Wachstuchtischdecke und Platzsets auf dem guten Tisch. Töpfe bleiben gleich auf dem Herd. Teller aus der Mikrowelle bekommen noch zusätzliche Untersetzer und eine Lage Zeitung untergeschoben. Alles nur, damit dem guten Tisch nichts mehr zustößt!!!

Ebenso verhält es sich mit dem guten Laminat: da wird auf Händen und Knien jeder Zenitmeter nach neuen Kratzern abgesucht. Alte Filzgleiter unter den Stuhlbeinen werden erneuert. Oh Gott, der gute Boden...

Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt kontrolliert auch penibel die Müllbehälter, dass ja kein Fitzel falsch entsorgt wurde. Auch hier war der Terror alldieweil vorprogrammiert.

Ich hatte kein Mitspracherecht hinsichtlich der Einrichtung oder Raumaufteilung.

Selbst die Küche hat er allein ausgesucht. Kochen musste jedoch ich allein.

Ich musste seine Musik ertragen. Meine CDs kann ich ja hören, wenn er nicht da ist.

Ebenso verhielt es sich jahrelang mit seinen Serien. Er schaute leidenschaftlich "Verbotene Liebe" und "Marienhof". Gott sei Dank, wurde der Schmarrn mittlerweile abgesetzt.^^ Auf die Frage hin, wie ein Kerl wie er zu solchen Serien gefunden hatte, teilte er mir mit, dass seine Exfreundin das immer geschaut hätte und er nun neugierig geworden sei, wie die Storys weiter gehen. Toll.

Ich wurde dafür gemobbt, wenn ich Zucker konsumierte. Er kniff mir in die Nieren und ermahnte mich ständig, mit dem Zucker langsam zu machen.

Ich durfte meine Haare weder färben noch kurz schneiden. (Einmal habe ich es doch getan, da ist er ausgerastet. Ich fand die rote Tönung ganz süß. Er nannte mich eine widerliche Zecke (=Punk) und ließ mich nicht mehr in sein Bett. Das Theater dauerte so lange, bis er mich zum Frisör schleifte, wo mir dann ein Farbauszug verpasst wurde)

Ich musste es hinnehmen, dass er ständig mit seinem Handy telefonierte. Selbst wenn wir ein Rendevouz hatten. Ich sollte mich dann immer still verhalten.

Alle zu erledigenden Aufgaben, die nichts mit ihm direkt zu tun hatten, musste ich erledigen. Auch die unliebsamsten. Ganz gleich, ob ich Zeit hatte oder nicht. Da ging der Mann fünf mal am Wäschekorb vorbei die Treppe rauf, ohne ihn mit zu nehmen. Da stieg er im Hof über die Spielsachen der Kinder weg. Regte sich über gebrauchte Taschentücher auf dem Fußboden auf, ohne einen Handschlag zu tun. Wenn es ihn nichts anging, dann rührte er keinen Finger. "Ist nicht meine schmutzige Tasse"..."Ist nicht meine Socke in der Ecke"... ...Aha. Anscheinend ist das alles mir? Dann sind das also meine Fenster, die ich putze und meine Treppe. Meine Einkäufe im Auto und mein Essen auf dem Herd und mein Geschirr auf der Spüle und meine Windeln, die voll sind! Der würde sich vielleicht umgucken wenn ich seine Philosophie teilte! Frei nach dem Motto: "Geht mich nichts an - rühr ich nicht an" ...Er würde im Chaos ersticken.

 

Ich durfte mein Auto nicht im Hof parken. Angeblich, weil der Hof nicht Gegenstand des Mietvertrages sei und wir keinen Ärger mit dem Vermieter riskieren durften. Aber mein Mann hat seine Oldtimer ständig im Hof geparkt, weil er viel zu viel Angst vor Vandalismus hatte. Ich dagegen musste in den umliegenden Straßen um einen Parkplatz kämpfen und hatte die Einkäufe und die Kinder noch an der Backe.

 

 Ich durfte ihn morgens vor dem ersten Kaffee nicht ansprechen. Auch nichts fragen.

Ich musste es hinnehmen, dass er mich im Rahmen seiner Launen übelst titulierte. 

 

Einmal waren wir bei einem Oldtimertreffen. Da lief eine besoffene Schlampe nachts über den Platz und heulte rum, dass sie schwanger sei und ihr Freund sie raus geworfen habe und sie nun nicht wüsste, wo sie hin solle. Die Tussi war vielleicht 18 oder 19 Jahre alt. Einige Männer liefen von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und sammelten Spenden für die Frau. Mein Mann hatte nichts besseres zu tun als ohne mich zu fragen meine eigene Decke aus dem Kofferraum zu holen und zu verkünden, dass die Frau sich damit warm halten dürfe. Ich war total verdattert. Ich sagte den Männern, dass man vielleicht lieber die Polizei rufen solle. Die finden schon raus, wie die Eltern der jungen Frau sind oder kümmern sich irgendwie um sie. Oliver schubste mich beiseite  "Nein", sagte er, "so machen wir das hier nicht. Wir sind noch Kavaliere der alten Schule und kümmern uns selbst um einander!" Und schon war meine Decke weg.

Als ich ihm erklärte, dass ich meine Decke wieder haben wollte, schrie er mich an, ich sei eine Drecksfotze und solle endlich die Fresse halten. Alle unsere Freunde saßen drum rum und starrten uns an. Ich sah zu, wie Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt sich ein Bier aufmachte, eine Bratwurst vom Grill holte und sich zum Schmausen in einen Klappstuhl fallen ließ.

Ich nahm meine Handtasche, ließ mein ganzes Gepäck (bei solchen Treffen wird immer gezeltet) in seinem Wagen und lief davon. Ich suchte einen Bahnhof oder eine Bushaltestelle oder irgendwas, um von dort weg zu kommen. Beinahe hätte ich sogar meine Eltern angerufen. Aber ich war weit weg, in einer mir völlig fremden Stadt und ich bekam meinen Kopf nicht klar. Schließlich setzte ich mich auf eine kleine Mauer und weinte ein paar Stunden leise vor mich hin. Obwohl es eine laue Sommernacht war, war ich irgendwann in meiner leichten Kleidung so steif gefroren, dass ich wieder zurück zu dem Treffen ging und mich zu meinem Mann ans Feuer setzte. Schon von weitem hatte ich ihn lautstark lachen und scherzen hören. Er amüsierte sich königlich und hatte sich augenscheinlich auf ein fröhliches Level gesoffen. Meine Abwesenheit hatte er gar nicht bemerkt. Die Ehefrau eines unserer Freunde kam auf mich zu, nahm mich beiseite und redete mit mir. Sie vertraute sich mir an, dass es ihr oft genug schon ähnlich mit ihrem Mann ergangen sei und dass Männer manchmal echt Schweine sein können.

In den weiteren Tagen redete ich kaum ein Wort mit ihm, während er so tat, als sei alles in Ordnung.

 

...

 

Ach, es gibt so vieles, was mich nervt oder was ich in schlechter Erinnerung behalten habe.

Und wie oft habe ich mir den Mund fusselig geredet und ihm versucht zu vermitteln, dass ich etwas mehr Würde und Anstand erwarten darf ... Vergeblich.

 

Egal welchen seiner Freunde ich mal angesprochen habe - einjeder zuckt bloß hilflos lächelnd die Schultern und gibt mir zu Antwort: "Ja, der is, wie er is!"

Und das war er schon immer und wird er auch immer bleiben.

 

Ein Mann, der damit prahlt, dass er als Halbstarker mit seinen Kumpels regelmäßig zum Vergnügen Marokkaner verprügelt hat.

 Ein Mann, der damit prahlt, dass er in der vierten Klasse mit einer Mitschülerin seine erste Nummer geschoben hat.

Ein Mann, der damit prahlt, dass er besoffen mit dem Motorrad durch die Botanik gebrettert ist, oder beim Pissen in die Brennnesseln gefallen ist um erst anderntags wieder zu erwachen.

 

Oh, er prahlt vor allem mit seinen Bettgeschichten und dass es mehr Frauen gewesen sind, als er hätte zählen können.

 

Ganz ehrlich, seine Vergangenheit ist nicht die rühmlichste.

Was hat mich an ihm so fasziniert, dass ich bereit war ihm 10 meiner besten Jahre und zwei Kinder zu schenken?

 

Na klar. Er war der Bösewicht nach dem ich mich immer verzehrte.

Und ich war die Masochistin, die das Elend suchte.

 

 

Nur leider weichen Phantasie und Realität bitter von einander ab.

 

 

 

 Ich bin im Grunde eigentlich kein großer Überflieger. Ich bin aber auch - wie man meinem Schreibstil hoffentlich entnehmen kann - kein Prolet.

Trotzdem habe ich in meiner Sucht nach Liebe alles getan, was seine Aufmerksamkeit erregte. 

Dazu gehörte auch, mich ohne Scham auf sein Niveau zu begeben und an seiner Seite Stellung zu beziehen.

Und dies nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern auch draußen und vor allen Leuten.

 

Vor ungefähr acht Jahren sind wir nach Rodgau gezogen. In eine Ruine, die wir erst aufwändig renovieren/restaurieren mussten...

Aus dieser Epoche rühren nachfolgende Verse:

 

Es war nie leicht mit dir zusammen ohne Blamage zu leiben.
denn warst du dir nie für einen Rülpser oder gar Furz zu bescheiden.
Oft wollte ich Blumen von dir, aber bekam dann nur Dornen,
oft warst du auch grundlos genervt und das schon am frühen Morgen.

Unser Haus der Liebe, das sich zwar noch als Ruine geniert
wird in Anbetracht seines Verfalls mit aller Kraft auf Glück frisiert!
Und selbst wenn uns die Farbe aus´geht und wir unsere Jobs verlieren
wird uns das Glück nicht verlassen, weil wir finden wonach wir gieren.

Als mein Göttergatte und Glücksgenießer bist du weder reich noch arm.
Ich dagegen bin deiner nicht würdig. Ich bin wie mein eigener Darm:
es kommt nur Scheiße heraus, aber ohne zu kacken wäre ich bald tot.
Mein Innerstes droht zu explodiern, ich würde platzen durch meinen Kot.

Ich ersticke an meinen Gefühlen, lasse ich sie nicht heraus.
Darum sag ich es gleich: Ich liebe nur dich! Nicht das Glück, das Geld und das Haus!
Und wenn es nur eine Möglichkeit gäb, dir zu zeigen, was ich empfinde.
Würde ich dich beschenken und dichten für dich, damit uns Liebe verbinde


 

 Ich hab wirklich ernsthaft versucht mich ihm anzupassen. Ich bin so weit auf ihn zu gegangen bis fast nichts mehr von mir übrig war.

 

Ich hab seine Gebote geachtet.

Ich habe seine Sprache angenommen.

Ich habe ihn verteidigt - gegen Gott und die Welt (selbst wenn er im Unrecht war)

 

 

Und er?

 

Er wirft mir vor, dass ich nicht genug auf seine Bedürfnisse eingegangen wäre.

Ja, ich hätte ihm nicht mal einen geblasen!

 

 

19.5.18 23:21, kommentieren

Es riecht nach einer neuen Frau

 

Am 06. Dezember 2009 schrieb ich meinem Ehemann folgende Zeilen:

 


Ein guter Rat

Ich liebe es, wie du mich verwöhnst
wie du mich freundlich behandelst
Ich hasse es, wenn du mich verhöhnst,
wenn du mich quälst und misshandelst.

Ich liebe es, wenn du mich berührst
du schenkst mir Geborgenheit.
Ich hasse es, wenn du mich entführst
in eine Welt aus Grausamkeit.

Ich liebe es, wie du mich begehrst,
wie du mich restlos befriedigst.
Ich hasse es, wenn du mich entehrst,
wenn du mich beschimpfst und erniedrigst.

Ich liebe es, wenn du mich anschaust,
was meine Seele in Brand versetzt,
doch ich hasse es, wie du immer aufbraust
und du mich völlig grundlos verletzt.

Darum sage ich dir jetzt einen guten Rat:
Lass ab von Schimpf und Schand!
Und du wirst sehen, jede freundliche Tat
knüpft ein viel festeres Band.

 

___

 

 

Als ich es beim Aufräumen fand, waren auch gleich die Erinnerungen an unsere Anfangszeit wieder da. Wir hatten gewaltige Startschwierigkeiten und durchlebten im ersten Jahr gewaltige Höhen und Tiefen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie oft wir uns getrennt und wieder versöhnt haben.

Tatsache ist, dass ich - ähnlich wie bei meiner Umstellung auf Mutterschaft - mich damals ein ganzes Stück verlieren musste. Ich musste aufgeben, was mir wichtig war: Ideale, Prinzipien, Leidenschaften, Träume und Wünsche.

Ich musste mich seinen Regeln unterwerfen und durfte ohne seine Erlaubnis kaum noch eigene Entscheidungen treffen. Mein damaliger Blog wurde nach einem gewaltigen Ausbruch meines Freundes (heute mein Mann) von mir gelöscht, was mir sehr leid tat. Es war mein Ventil gewesen. Mein Druckablass. Mein Hobby. Und so durfte ich fast 10 Jahre nicht mehr schreiben.

Seine Herrschsucht wurde zur Diktatur. Ich durfte zum Schluss nicht einmal mehr die Heizung hochdrehen (er hat die Thermostate fest gestellt, als erzieherische Maßnahme). Seine Methoden erinnern mich lebhaft an die meines Vaters. Colonel Zaster hat damals auch den Stecker vom Telefon aus der Wand gerissen, wenn ich länger als 2 Minuten telefoniert habe. Er hat meiner Mutter - als sie noch jung zusammen waren - die Wählscheibe abgeschlossen und nur die Notrufnummern frei gelassen.

Ja.

In meiner überhasteten Flucht vor meinem Vater, bin ich seinem Doppelgänger in die Arme gelaufen.

Nein.

Es gibt schon Unterschiede. Ich will Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt hier nicht unnötig nieder machen. Wir hatten auch schöne Zeiten. Anders als mein Vater, ist mein Mann unternehmungsfreudiger veranlagt. Wo mein Vater das ganze Jahr spart und lieber zu Hause im Feinripp-Hemd die Couch durchschwitzt, um dann 3 Wochen nach Thailand fliegen zu können,  ist Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt lieber das ganze Jahr hier in heimatlichen Gefilden aktiv unterwegs und achtet auch nicht so sehr aufs liebe Geld.

So war mir das ganz lieb.

Aber es gibt eben auch Parallelen. Und die sind schauderhaft.

Es ist bitternötig, dass ich hier weg komme und endlich selbst meinen Mann stehe. Prinzessinen lassen sich vielleicht von Prinzen retten, aber ich bin anscheinend keine Prinzessin. Es kam auch kein Prinz.

Alles was ich vorzuweisen habe sind ein paar One-Night-Stands, ein Stalker, ein Geistesgestörter und Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt.

Das kann doch nicht alles gewesen sein?

Dann lieber gar keinen!

 

Ich habe im Rahmen meiner Aufräum-Aktion noch einige andere alte Gedichte von mir gefunden.

Eigentlich räume ich nicht wirklich auf.  Ich packe. Die Kartons stapeln sich schon bis unter die Decke. In knapp zwei Wochen ziehe ich in meine erste eigene Wohnung.

Und ich hab furchtbare Angst.

Ich plage mich mit Selbstzweifeln und Sorgen aus allem Himmelsrichtungen. Keine Ahnung, wie das wird. Ob ich das alles alleine schaffe. Die Renovierung, der Auf- und Abbau von Möbeln, der Transport, die Einrichtung, die Ummeldung, die tausend Verträge und Versicherungen und Kosten. Dann die Kinder, die neue Kita, die Eingewöhnung und deren Heimweh nach Papa und der Vertrautheit. Dazu noch mein Job und die Urlaubsvertretung, die ich übernommen habe. Ich soll Juni und Juli durcharbeiten.

Vor mir sehe ich ein abenteuerliches Puzzle aus Aufgaben ohne Anleitung. Hab weder handwerkliches Geschick noch eine gescheite Ausrüstung. Mit einem Karton voll Tapeten werde ich am 1.6. hinfahren und wahrscheinlich Rotz und Wasser heulen, wenn ich versage.

Bis dahin werde ich fleißig Youtube-Videos übers Renovieren schauen.

Vielleicht lässt sich die Katastrophe noch abwenden.

Schlimmer stelle ich mir die Justierung der Lampen vor.

Ich sehe mich vor geistigen Augen mit 230 Volt im Körper rückwärts von der Leiter fallen.

Ein Häufchen Asche bleibt allein

und beide Schuh so hübsch und fein.

 

 

WAAAHHHH

 

 

Auf meine vorsichtige Frage, ob er mir vielleicht ein wenig helfen möchte, antwortete mein Mann sehr nachdrücklich mit "Nein".

Für jemanden, der nicht mal Trennungsunterhalt zahlen will, stellt er sich ganz schön bockig an!

Aber wahrscheinlich hat er von seinen Freunden wieder irgendeinen Floh ins Ohr gesetzt bekommen.

Von seinen Freunden oder von einer anderen Frau.

 

Vor ein paar Wochen waren wir mit den Kindern auf dem Campingplatz und übernachteten im Wohnwagen. Das Ding ist ein Erbstück seines Vaters und er will auf Biegen und Brechen die alte Tradition fortführen. Wahrscheinlich liegt das auch an seinen glücklichen Kindheitserinnerungen von dort. Naja, unseren Kindern gefällt es ja auch gut dort. Die neuen Camping-Nachbarn haben ein Riesen-Trampolin auf ihrer Pazelle aufgebaut und seitdem sind wir die besten Freunde....^^

Als Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt den Grill anzündete, ging ich in den Wohnwagen und fand sein Handy dort liegen.

Ich wollte eigentlich nur die Uhrzeit ablesen, da überkam es mich. Ich öffnete leise seine Nachrichten und fand etwas, das ich kaum glauben konnte.

Seine Exfreundin hatte ihm geschrieben. Die SMS war erst zwei Stunden alt und er hatte sie noch nicht gelöscht. Sie hat gefragt, ob sie sich wieder an der Werkstatt zu gewohnter Uhrzeit treffen wollen. Und die Uhrzeit stand auch dabei.

Ich legte das Handy zurück und musste mich setzen.

Warum wartete er nicht wenigstens, bis ich aus dem Haus draußen bin??

Seit wann hat er es so nötig, nachdem er mich jahrelang kaum angerührt hat?

Fragen über Fragen...

 

Am nächsten Tag saß ich allein zu Hause. Die Kinder spielten friedlich im Hof und veranstalteten eine feuchtfröhliche Wasserschlacht.  Kurzentschlossen rief ich meine Mutter an und erzählte ihr alles. Sie hörte sich den ganzen Sermon an und gab mir den Rat, mal unauffällig an ihm zu schnuppern wenn er von seinem Treffen mit der Ex zurück käme. Ich könnte dann ja einfach einen Schuss ins Blaue wagen und fragen, warum er so befremdlich rieche?

Die Uhrzeit seines Treffens irrlichtete durch mein gemartertes Hirn. Ich würde ihn so gern überführen!

So packte ich die Kinder und machte einen Ausflug in Papas Werkstatt.

Leider mussten wir einen Umweg gehen, weil eine Straße wegen Bauarbeiten gesperrt gewesen ist. So haben wir den Papa leider um wenige Minuten verpasst. Seine Freunde von der Werkstatt waren alle betreten und nur kurz angebunden. Keiner konnte mir in die Augen sehen. Aber freundlich waren sie. Zu mir und zu den Kindern. Nach kurzem Wortwechsel gingen wir wieder. Angeblich sei er zu einem Kunden nach Offenbach gefahren.

 

Als er sehr spät Heim kam, ging er sofort duschen.

Er erklärte, der Reifenwechsel eines Motorrades hätte ihm Schwierigkeiten bereitet, weil der Händler zu spät erschienen sei und die Teile auch verspätet geliefert worden seien. Und er erzählte eine sehr lange detaillierte Geschichte, die ich einem sonst so wortkargen Mann nie zugetraut hätte.

 

Ich bin nicht eifersüchtig.

Aber ich lass mich halt nicht gern verarschen.

 

Wieder so eine nette Gemeinsamkeit zwischen Der-Mit-Zwei-jobs-Tanzt und

Colonel Zaster: Lügerei!

 

Ich brauche dich nicht und ich pfeife auf deine Hilfe oder dein Geld!

Ich habe mir jetzt eine verdammte Bohrmaschine und Werkzeug bestellt und ich werde die ganze Scheiße alleine hinkriegen!

 

Mein neuentdeckter Mut macht meine Angst fast vergessen.

 

Meine Mutter hat Recht.

Es riecht nach einer neuen Frau...

 

Und das bin ich!

 

 

18.5.18 13:49, kommentieren

Sternstunden - Die Fortsetzung

 

Baby, bitte sei nicht tot!

 

 Mir wurde heiß und kalt.

Ich rief nach einer Schwester. Herein kam eine ganz junge Frau, vielleicht eine Praktikantin oder eine Azubi. Sie sagte ganz kleinlaut, dass Sternchen verlegt worden sei. Der Zustand erlaube es nun, dass das Baby auf die Kinderstation dürfe.

Ich riss mir den sterilen Overall runter und machte einen Jubelschrei. Meinem Kind geht es besser und das ist alles was zählt!

Die junge Schwester allerdings zuckte gewaltig zusammen. Sie dachte wohl, ich würde ausrasten, weil man mein Kind ohne meine Kenntnis verlegt hatte.

Voller Ungeduld wartete ich auf den Aufzug, begab mich zur Kinderstation und flog regelrecht den Gang hinunter zum Schwesternzimmer. Von dort ließ ich mir das Zimmer von Sternchen zeigen. Die Schwestern klatschten in die Hände. "Da sind Sie ja endlich! Wir konnten uns auch nicht vorstellen, dass Sie nicht bei Ihrem Kind bleiben wollen!", rief eine und ich sag euch, ich wäre fast geplatzt. Mein Freund kam mir zuvor: "Von wegen! Ihr habt sie doch raus geworfen!" Und er wollte anfangen zu erzählen, aber ich winkte ab, weil ich nur noch zu Sternchen wollte.

Mein Stern lag in seinem Bettchen - immernoch verkabelt. Und immer wenn es sich bewegte ging ein Alarm los. In dem Zimmer lag noch ein anderes Kind und nebendran seine Mutter. "Was ist das hier? Dürfen Mütter hier bei den Kindern bleiben?", wollte ich wissen. Anscheinend gab es diese Möglichkeit und man hatte mich nicht informiert. Statt dessen hat man mein Kind einer anderen Frau untergeschoben! Es allein mit dieser Fremden gelassen! Wer weiß denn schon, was da alles hätte passieren können! Ich ließ meine Milchflaschen in einen Kühlschrank bringen und blieb so wie ich war im Krankenhaus. Um keinen Preis hätten die mich da wieder weg gekriegt. Meinem Freund schrieb ich eine Liste, über alles was ich benötigte und wo er was fände. Ich wartete auf die Visite und fragte die Ärztin, was man mittlerweile über Sternchens Zustand wisse. Angeblich sei es ein multiresistenter Keim gewesen und das erste Antibiotika hätte nicht angeschlagen. Das neue Mittel dagegen zeige jedoch gute Wirkung. Ich wollte wissen, was das für ein Keim gewesen sei? Ein Krankenhaus-Keim, wie bei dem Skandal aus den Nachrichten? Aber die Ärztin äußerte sich nicht gern dazu und meinte nur, es könnten genausogut Keime von mir selber gewesen sein, die nach dem Blasensprung hinauf gewandert wären.

Ich glaubte dieser Frau kein Wort.

Als sie nach ihrem Besuch ihren Kittel auszog und ihn in den Wäscheeimer warf, holte ich ihn heimlich wieder heraus und packte ihn in meine Tasche. Er war Größe XS und sollte ein Andenken für Sternchen sein.

Wenn sie heute mit ihrem Arztkoffer spielt, trägt sie den grünen Kittel dieser Ärztin. (hab ihn tausend mal ausgekocht)

 

Am 7. Tag nach der Entbindung fuhr ich mit meinem Freund zum Standesamt, um endlich die Geburt unserer Tochter zu beurkunden. Da wir nicht verheiratet waren, musste ich vorher noch alle Unterlagen zusammen suchen. (Anträge, Urkunden, Ausweise, Vaterschaftsanerkennung und das Stammbuch seiner Mutter) Von dem Beamten erhielt ich dann Dokumente für die Krankenkasse, Arbeitgeber, Pfarrer, Kindergeldstelle, usw. Es war also auch genug Papierkram entstanden. Auch hier fühlte ich mich im Stich gelassen. Mein Freund wäre nie auf die Idee gekommen, mir irgendwas davon abzunehmen. Warum auch? Kindergeld, Mutterschaftsgeld und Elterngeld sollte ich allein beziehen. Frei nach dem Motto: "Du wolltest es, du kümmerst dich", war ich mit dem Kind und den Anträgen ganz allein.

 

Nach dem Drama auf Intensiv, sollte der Aufenthalt in der Kinderstation noch eine weitere gute Woche andauern, ehe wir endlich entlassen wurden.

Am Abend des 23. Dezember 2012 - 10 Tage nach Sternchens Geburt - saßen wir daheim zu dritt um den Weihnachtsbaum und ließen das Wunder leise auf uns wirken.

Wunschgemäß hatte mein Freund den traurigsten, kümmerlichsten und schiefsten Baum von allen gekauft. Ich wollte an diesem Weihnachten unbedingt etwas wieder gut machen.

 

 

Nach allem was ich als Kind durchmachen musste und ganz besonders in Anbetracht der heftigen Startschwierigkeiten meines Sternchens, wollte ich um jeden Preis alles richtig machen. Ich trug mein Baby die halbe Nacht spazieren, wenn es weinte und ich lernte hunderte Kinderlieder auswendig. Aber ich konnte es am Ende doch nicht vor allem beschützen. Noch im ersten Lebensmonat litt mein Sternchen an einer üblen Tränengangstenose, die ich mit fusselfreier Watte und abgekochtem Wasser behandelte. Aber das war nicht das schlimmste.

Es begab sich, dass Baby-Sternchen von heute auf morgen Baby-Akne bekam. Die ganze Gesichtshaut war binnen weniger Tage rot entzündet. Ich ging zum notärztlichen Dienst, weil der Kinderarzt nicht fußläufig erreichbar war und die nächtlichen Eisregen ständig mein Auto unbrauchbar machten. Dort hieß es, mein Baby sei gegen Muttermilch allergisch. Dies sei auch der Grund, warum mein Baby noch nicht zugenommen habe. Ich solle Fertignahrung verabreichen. Und ich dürfe das Kind nicht mehr küssen. :-(

Traurig rührte ich die Alete-Milch an, die für den Notfall auf dem Regal stand und probierte das aus. Aber Sternchen erbrach die Malzeit in einem langen Strahl.

Ich ging zur Hebamme. Die glaubte, es sei eine Kuhmilch-Eiweiß-Intoleranz und meinte, ich soll es mit Produkten versuchen auf Ziegen- und Schafsmilchbasis. Wenn ich nichts fände, könnte ich es auch erst mal mit Beba ProHA versuchen. Da sei das Eiweiß anders aufgespalten und besser verträglich.

Das tat ich dann auch. Aber die Akte ging davon nicht weg. Ich bedeckte auf Anraten der Hebamme die betroffenen Hautstellen mit Baumwoll-Wattepads, die ich vorher mit Tee aus ganzen Schwarzteeblättern durchtränkt hatte. Da mein Kind sich furchtbar quälte, hatte ich gefühlte hundert Jahre nicht mehr geschlafen. Angeblich soll Babyakne nicht jucken. Von wegen! Mein Baby hat sich wie verrückt das Gesicht im Kissen gerieben und ich musste ihr Söckchen über die Hände ziehen, weil sie sich das Gesicht blutig gekratzt hat!!! Schließlich schickte uns die Hebamme zu einem Wunderheiler. Er war eigentlich Apotheker in der Hirsch-Apotheke von Dietzenbach. Ob er noch praktiziert weiß ich nicht mehr, aber damals hat er eine Zaubersalbe hergestellt, die vor allem bei Neurodermitis Wunder bewirkt. In unserer Not kauften wir eine von diesen sehr teuren Döschen. Darüber hinaus gingen wir noch einige Male zum Kinderarzt und bekamen eine ganze Reihe Medikamente aufgeschrieben.

8 Wochen sollte der Spuk insgesamt dauern.

Die kaputte Haut schälte sich schließlich ab und hervor kam wunderbar weiche Schmusehaut ohne Pickel oder sonst was. (ich glaube die Zaubersalbe und das ultrareine Aloe Vera haben am besten geholfen) So hatte mein Baby nach einem schwierigen Start ins Leben auch gleich noch eine zweimonatige Durststrecke zu überstehen, voller Juckreiz und Quälerei. Auf den Fotos sieht man noch sehr gut ihren entsagungsvollen Ausdruck in den Augen. Und ich selbst für meinen Teil hatte auch genug Erfahrungen sammeln dürfen. Neben der Fertignahrung habe ich tausendmal meine Ernährung umgestellt und zwischendurch immer mal wieder gestillt. Was auch immer es war, an meiner Milch kann es nicht gelegen haben. Gestillt wurde Sternchen bis sie ein Jahr alt war und es gab nie wieder irgendein Problem.

 

Wirklich nie wieder?

Doch, es gab Probleme. Aber sie waren völlig unerwarteter Natur.

Wie ich bereits sagte, war ich selbst ein gebranntes Kind und wollte daher mein Sternchen vor allem Unheil bewahren. Nie hätte ich gedacht, dass mir diese heilige Mission so schnell misslingt!

Es geschah Anfang April 2016. Ich war im 7. Monat schwanger mit Honigdachs. Mein Sternchen war drei Jahre alt und besuchte eine kleine Kindertagesstätte hier im Ort. Ich habe mir bei der Wahl der Kita wirklich Mühe gegeben und stand zwei Jahre auf der Warteliste, damit mein Kind in eine gut behütete und überschaubare Gruppe kommt. Und trotzdem ist es passiert! Sternchen spielte mit einem etwas älteren Jungen in einer nicht einsehbaren Ecke, als dieser sich plötzlich die Hose runter zog. Er packte Sternchen, hielt sie fest und rieb sein Teil an ihrem Bauch. Sie fand das eklig und erzählte mir, dass da ein kleines Bommelchen an seiner Scheide gewesen war!

Sie kann sich das unmöglich ausgedacht haben. Und so stellte ich anderntags die Erzieherin zur Rede. Diese hielt es für nötig alles abzustreiten. Sie weigerte sich außerdem, die Mutter des Jungen zu informieren. Immerhin sei das eine Problemfamilie, die Mutter verstünde kein Wort deutsch und sei alleinerziehend mit sehr vielen Kindern. Da der Junge als unauffällig galt, wurde meine Tochter kurzerhand als "phantasievolles Kind" abgestempelt.

 

Mitte April wurde sie dann das zweite Mal belästigt. Angeblich hätte er sie mit seinem Finger in die Scheide gepiekst. Was genau los war, kann ich nicht sagen, denn ich war nicht dabei gewesen. Mein Stern hat es mir erzählt, nachdem ich getrocknete Blutflecken in ihrer Unterwäsche gefunden habe, als ich mit ihr am gleichen Tag auf Toilette war. Ich habe sie sodann auf den Wickeltisch gelegt und untersucht. Es war kein Jahr her, da habe ich sie noch dort gewickelt. Ihr Anblick war mir also vertraut und ich fand nichts schlimmes dabei, hinein zu sehen. Es hätte ja auch ein Spielzeugteil irgendwelcher Art feststecken können. Da sie ohnehin in einigen Tagen zur Unteruchung beim Kinderarzt einen Termin hatte, wollte ich dieses Thema dort gleich auch einmal aufgreifen.

Ich versuchte nun anhand der Namensliste die Mutter des Jungen anzurufen, aber niemand ging dran. Es war eine Handynummer und ich schrieb übers ganze Wochenende mehrere SMS-Nachrichten an die Frau.

Keine Reaktion.

Im Kindergarten wurde der Junge erneut in Schutz genommen. Er tue so etwas nicht.

Wieder eine Woche später war dann der dritte Zwischenfall. Laut Sternchens Aussage habe er sich wieder ausgezogen und an ihrem Bein gejuckelt. Sie hätte dann laut "Nein" gerufen und er hätte dann aufgehört.

Doktorspielchen in allen Ehren - aber das war MEIN KIND und ich wollte das nicht länger hinnehmen! Da mir von Seiten des Kindergartens nicht geholfen wurde, schrieb ich eine sehr ausführliche E-Mail mit allen Einzelheiten über die Vorfälle und schickte diese an alle Eltern im ganzen Kindergarten. Ich wollte auf die Missstände hinweisen und die Gefahren. Von allen Eltern antworteten lediglich zwei oder drei Mütter und Väter, die ebenfalls schlechte Erfahrungen mit dem Jungen gemacht hatten. Er würde Kraftausdrücke in den Mund nehmen und am Zaun stehen und den Mittelfinger hoch halten. Aber mehr wusste keiner zu sagen.

Meine Rundmail hatte für mich jedoch zur Folge, dass ich von den Erzieherinnen nach übelster Manier fertig gemacht wurde. Und zwar richtig übel! Angefangen damit, dass man mich beleidigte und bei den anderen Eltern als Querulantin abstempelte, bis hin zum Kita-Verweis meiner Tochter, welche sodann vorläufig zu Hause bleiben musste. Da anscheinden Täterschutz vor Opferschutz gestellt wird, wurde ich außerdem noch über Monate hinweg immer wieder beim Jugendamt angeschwärzt. Zunächst bekam ich recht unvermittelt eine Vorladung per E-Mail vom Jugendamt. Jemand hatte also meine Mailadresse weiter gegeben. Ich sollte dort Rede und Antwort stehen und was ich mir dabei gedacht hätte gegen die Schweigepflicht zu verstoßen. (ich habe keine Schweigepflichtserklärung unterschrieben, denn ich bin keine öffentliche Erzieherin, sondern die leibliche!)

In der Folgezeit durfte Sternchen den Kindergarten zwar wieder besuchen, musste aber unter Quarantäne spielen und durfte keinen Kontakt zu anderen Kindern mehr haben. Angeblich sei dies der Wunsch der andern Eltern gewesen. Niemand wollte, dass sein Kind ebenfalls öffentlich als tatverdächtig hingestellt werde. Angeblich hätten 20 Eltern ihren Kindern strengstens den Umgang mit Sternchen verboten. Von alledem wurde mir nicht das geringste gesagt. Dass mein Kind isoliert gehalten wurde und die ganze Zeit über nur noch Bilder malen durfte, sollte ich erst sehr viel später erfahren. Diese Information erhielt ich nämlich erst, nachdem mein Kind die Kita gar nicht mehr besuchte.

 

Anfang Juni wurde ich also zu einem letzten Elterngespräch in die Kita geladen. Als ich dort zusammen mit meinem Mann ankam, traf ich dort auf ein bekanntes Gesicht vom Jugendamt nebst seiner Vorgesetzten sowie drei Erzieherinnen der Kita. In einem endlosen Monolog wurde mir immer wieder eingetrichtert, dass ich mir das alles nur eingebildet hätte und dass die Vorfälle nur in meinem Kopf existierten. Ich solle nie wieder zu irgendwem über diese Angelegenheiten sprechen, sonst würde Sternchen in der ganzen Gemeinde keinen alternativen Kindergartenplatz erhalten und darüber hinaus später einen miesen Ruf in der Schule haben. Dafür werde man schon sorgen. Mit diesen Worten wurde meinem Kind die Kündigung des Kitaplatzes ausgesprochen. Nur wenn ich mich verpflichtete Stillschweigen zu bewahren, war man geneigt mein Kind in der Kita eines Nachbarortes kurzfristig unterzubringen.

Es war unglaublich. Mein kleines zartes Sternchen wird von einem großen fetten Zigeuner-Jungen entjungfert, klagt über Schmerzen, hat sogar braunen Ausfluss und wird dann auch noch bestraft, indem man sie isoliert, rauswirft und wie ein Monster behandelt! Durch den Rauswurf würde sie all ihre Freunde verlieren und ein ganzes Stück Vertrautheit und das nur wenige Wochen vor dem nächsten sozialen Umbruch, den der Familienzuwachs mit sich bringen sollte.

Ich wollte mich dagegen wehren. Ich wollte mich stark machen und für mein Kind kämpfen. Sollten sie doch den verdammten Jungen rauswerfen! Aber als ich kaum angefangen hatte gegen die Schikane aufzubegehren, traf mich unter dem Tisch ein schmerzhafter Fußtritt meines Mannes und er sagte, ich solle jetzt damit aufhören. Der Kampf sei aussichtslos.

Ich war so wütend.

Den ganzen Heimweg über saß mir ein Kloß im Hals. Wie konnte er sich gegen seine eigene Frau - schlimmer noch: gegen seine Tochter stellen? Zu Hause konnte er die Klappe weit aufreißen, aber im Angesicht des Feindes hatte er Schiss! Meine Wut auf ihn war so ungeheuer groß, dass ich mich mit Sternchen ins Auto setzte und davon fuhr.

Mein Mann befürchtete, ich würde ihn verlassen und wollte mir hinterner. Er vermutete mich bei meiner Mutter und war baff erstaunt, mich nicht dort zu finden. Ebenso erstaunt war auch Poor-Angel, die keine Ahnung hatte, was an dem Tag vorgefallen war.

Sternchen und ich verbachten den Rest des Tages in einem Indoor-Spielplatz, bis ich mich abgeregt hatte.

 

Ab Mitte Juni - drei Wochen vor Honigdachs' Geburt - begann die Eingewöhnung im neuen Kindergarten. An die weite Fahrerei im glutheißen Auto musste ich mich erst noch gewöhnen. Auch hatte ich unter teils heftigen Vorwehen zu leiden, die bis ins linke Bein zogen.

 

Gerade als ich anfing die ganze Geschichte zu verdauen, ging das Theater von vorne los.

Es war August und mein jüngster Nachwuchs war noch keinen Monat, als ich wieder zum Jugendamt vorgeladen wurde. Mir wurde vorgeworfen, Sternchen im Genitalbereich untersucht zu haben. So etwas sei nur durch einen Arzt vornehmen zu lassen und ich hätte mich strafbar gemacht. Die ehemalige Kita hat es sich nicht nehmen lassen, noch einmal nach zu treten, als ich schon am Boden lag. Es war so lächerlich! Die Kita hatte mich wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch beim Jugendamt gemeldet, obwohl es genau andersherum hätte lauten müssen! Mein Gott, mein Kind war drei Jahre alt! Natürlich habe ich nachgesehen, was da los war! Das hätte jede andere Mutter auch getan! Außerdem hatte der Arzt nur ein paar Tage später ebenfalls nachgesehen und fest gestellt, dass die Jungfernhaut beschädigt worden sei. Um das Thema in Sternchens Gegenwart nicht öfter als nötig anzugehen, hatte ich dem Arzt gegenüber nicht viel erzählt. Er war aber kein bischen besorgt und meinte, sowas könne auch bei wildem Turnen passieren.

 

Dies alles gab ich der Frau vom Jugendamt also erneut bekannt. Der Fall wurde alsodann geschlossen. Was übrig blieb, waren die Narben.

 

Mein armer Stern.

 

Was haben sie dir nur angetan?

 

 

Und wer weiß, was noch kommt....

 

 


 

 

 

23.4.18 19:23, kommentieren

Ein Stern wird geboren


Mein Sternchen....
Nie vergess ich deinen ersten Schrei.

Die meisten Menschen behaupten, wenn man schwanger ist, ist man nicht gleich krank. Ich kann diese Aussage nicht unterschreiben. Ich war krank.
Schon im zweiten Monat begann meine Übelkeit und sie hielt sich über die Hochphase hinaus, bis in die letzten Wochen vor meiner Entbindung. Hinzu kamen meine furchtbaren Launen, meine ersten wirklichen Rückenbeschwerden, höllisches Sodbrennen, unbequeme Nächte und spannende Haut. Meine Vorfreude hielt sich also in Grenzen. Ich war zu sehr mit dem Krankheitsbild Schwangerschaft beschäftigt...
Die größte Umstellung erwartete mich jedoch erst nach der schmerzhaftesten Erfahrung meines Lebens. Aber ich will nicht vorgreifen!


Ich wachte auf und schaute auf die rot leuchtende Anzeige meines Radioweckers.
2:07 Uhr mitten in der Nacht.
Ich hatte gelesen, dass die Wehen wenig schmerzhaft beginnen und mit abnehmenden Abständen stärker würden. Tja. Aber nicht bei mir. Die nächste Wehe hatte ich um Punkt 2:14 Uhr. Dann um 2:21 Uhr. Und 2:28 Uhr. Dann hatte ich es begriffen. Sie kamen im 7-Minuten-Takt und waren von Anfang an unerträglich.
Ich stand auf und machte mich fertig. Dann wanderte ich bis 6 Uhr morgens in der Küche auf und ab und konzentrierte mich auf die Atemtechniken aus dem Vorbereitungskurs. Instinktiv wusste ich, dass es noch dauern würde. Aber der 7-Minuten-Takt hielt mich ganz schön in Atem. Nach 4 Stunden Wehen beschloss ich also meinen Freund - heute mein Mann - zu wecken. Warum sollte er auch ausschlafen dürfen, wo es mir so dreckig ging.
Im Gegensatz zu mir, war er entsetzlich aufgeregt und benahm sich überaus kopflos. Es war wunderbar. Ich muss heute noch darüber lächeln, wenn ich daran zurück denke. Auf dem Weg ins Krankenhaus gerieten wir in Offenbach in einen fürchterlichen Stau. Da sind ihm dann die Nerven durchgegangen. Und ich atmete.
Im Krankenhaus schleppte ich mich durch die Stunden. Atmen und humpeln und stöhnen. Zwischendurch auch mal jammern oder fluchen. Schmerzen sind eben Schmerzen. Damit muss jeder selber versuchen klar zu kommen. Da gibt es auch nichts beschönigendes.
Nach 14,5 Stunden war es dann soweit. 16:25 kehrte sich mein Innerstes nach außen, dass ich dachte, ich sterbe. Es gab ein Geräusch, wie wenn man auf Weintrauben tritt (ich bin nicht gerissen sondern regelrecht explodiert) und ein Sektkorken namens Sternchen startete ins Leben. Sofort war der Schmerz verschwunden. Und dann geschah es. Ich hörte ein Baby schreien und war wie vom Donner gerührt. Über die ganzen Strapazen hatte ich doch glatt vergessen, um was es hier ging. Die Überraschung war gelungen. Und da lag sie also, in ein Handtuch gewickelt auf meinem Bauch, und ich empfand etwas unerklärliches. Es war noch lange nicht die tiefe Liebe einer Mutter für ihr Kind, aber es war das unbändige Verlangen es zu beschützen. Ich ärgerte mich etwas, dass das Handtuch nicht richtig ihre Schultern bedeckte, so dass sie fror. Ich kam aber auch nicht auf die Idee, sie selber zuzudecken. Zu groß war noch die Berührungsangst.
Aber ich konnte mich an ihr festhalten als ich genäht wurde und das war ganz gut.
Auf Station wurde ich dann vergessen. Ich durchlebte eine gottverlassene Nacht voller Selbstzweifel. Niemand kam, um nach uns zu sehen. Ich bekam keine Anweisung was ich tun sollte, als das Baby schrie und auch sonst nichts. Nicht mal einen Becher Tee.
Nachdem es einfach nichts brachte, das Baby in sein eigenes Bettchen zu legen, nahm ich es mit in meines und schaute es mir die ganze Nacht an. Für größere Wanderungen bis hin ins Schwesternzimmer fehlte mir noch die Kraft und der Mut. Mir war so schwindelig und die Nähte drückten. Ich sollte tagelang nicht sitzen können. Noch mehr fürchtete ich mich vor dem Toilettengang.

Am ersten Morgen nach der Geburt meines Sternchens ging die Türe auf und zwei oder drei Schwestern kamen herein. Sie waren alle gut gelaunt und nahmen mein Sternchen einfach mit. Irgendwas mit U hörte ich noch und dass es Routine sei. Eine andere Frau wollte mich zum Frühstückszimmer begleiten. Aber sie lief so schnell, dass ich mit meinen kleinen Schrittchen kaum hinterher konnte. Das Tablett hatte ich extra nur leicht beladen. Trotzdem schaffte ich es nicht bis ins Zimmer zurück. Auf halbem Weg, lehnte ich mich plötzlich an die Wand und kämpfte gegen den Tunnenblick. Jemand kam und nahm mir das Tablett ab. Jemand anderes schaute mir in die Augen. Ich sah nur schwarz-weißes Flimmern. Die Eskorte brachte mich zurück in mein Bett. Nach dem Frühstück ging es mir etwas besser. Aber ich machte mir Sorgen um mein Baby. Als die Tür aufging und mein Freund herein kam, musste ich die Enttäuschung unterdrücken. Er war aber auch enttäuscht und wollte wissen, wo Sternchen sei.
Nach einiger Zeit kamen zwei Frauen mit einem Baby herein. Ich war nicht sicher, ob es mein eigenes war. Dieses Baby hatte große offene sehr runde Augen und schaute überaus freundlich aus. Und es war sauber und hatte die Frisur einer aufgeplusterten Amsel. Es war wunderschön. Aber war es auch ganz sicher mein eigenes? Ich kam mir so doof vor, dass ich mein eigenes Kind nicht erkannte. Aber es kam noch besser: Eine der Frauen stellte sich als Stillberaterin vor und gab mir Anweisungen. Ich sollte mich frei machen und auf die Seite legen. Die Beraterin nahm Sternchen und hielt sie im Fliegergriff, mit dem Gesicht zu mir. Als Sternchen 30 cm von mir entfernt war, begann es meine Brust anzuvisieren. Langsam wurde sie mir zentimeterweise entgegen geschoben. Das Baby legte sein Köpfchen in den Nacken und starrte unentwegt auf meine Brust. Das Mäulchen ein wenig geöffnet. Als es mit dem Kinn nur noch wenige Millimeter von mir entfernt war, schnappte es wie ein kleines Krokodil nach mir und dockte augenblicklich an. Ich bin vor Schreck ganz gewaltig zusammengefahren! Das Baby allerdings kannte da keine Berührungsängste und saugte mir einer Kraft, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Nach kurzer Zeit war es vorrüber und die Beraterin erklärte mir unermüdlich die Kunst des Stillens. Mir wurden diverse Techniken und Positionen erklärt. Auch dass es wichtig ist, so viel Brust wie möglich in den kleinen Schlund zu stopfen. Der Gaumen eines Babys ist im vorderen Bereich sehr rauh. Hier wird man schnell wund. Weiter hinten ist der Gaumen jedoch weich und die Brustwarze wird weniger gereizt. Fragt mich nicht wie, aber ich bin trotzdem gleich am ersten Tag wund geworden und bekam ultrareines Lanolin und Stillhütchen verordnet. Also, sogar zum stillen war ich zu doof. Zumindest anfangs.
Abends verabschiedete sich mein Freund. Er wollte sich von seinen Kumpels feiern lassen.
Als ich allein war, kam plötzlich ein Arzt und eine Schwester herein. Er erklärte dass bei einer Blutuntersuchung zu niedrige Sauerstoffsättigungswerte festgestellt worden seien und dass außerdem Entzündungswerte vorliegen würden. Das Kind solle in die Intensivstation verlegt werden und ich dürfe nicht mitkommen.
Ich drehte mich um, nahm Sternchen aus seinem Bettchen, legte es über meine Schulter und schlurfte in eine Ecke um zu weinen.
Dort stand ich. Ich stand dort so lange schmusend und schluchzend, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Der junge Arzt stand wie angewurzelt da und sagte erst kein Wort. Dann räusperte er sich und meinte etwas gefühlvoller, es sei leider dringend erforderlich.
Als ich erklärte, dass mein Babystern einen absolut fidelen Eindruck auf mich mache und dass ich mich gern weigern würde sie weg zu geben, hieß es, das Leben des Kindes dürfe unter keinen Umständen in Gefahr geraten. Es sei auch nur eine Vorsichtsmaßnahme. Aber man sagte mir nicht was mein Kind dort erwartete oder wie lange es dort bleiben müsse. Man sagte mir auch nicht, was das für eine Entzündung sein sollte. Man sagte mir überhaupt nichts.
Ich legte Baby-Sternchen in sein Bettchen und schob es schlurfend den Gang hinunter bis zu einem Aufzug. Wie in Trance lief ich dem Arzt hinterher. Ein unfassbar weiter Weg durch zwei Gebäude und einem Ladyrinth aus Gängen und Türen bis hin zur Kinderintensiv-Station. Dort lagen vornehmlich Frühchen. Mutterseelenallein.
Ich wurde aus dem Raum verbannt und hörte durch die geschlossene Tür mein Baby entsetzlich aufschreien. Es wurde ein Zugang in den Handrücken gelegt und allerlei lustige Kabel am Körper des Kindes verteilt. Unter der Nase eine Sauerstoffbrille. Einige Kabel führten zu einem Kasten, der wie ein Transformator aussah. An der Wand lauter bunte Lichter, Knöpfe und Schalter. Dämmrige Zimmerbeläuchtung, monotones Summen und Piepen.
Wirklich sehr heimelig!
Als ich wieder rein durfte sollte ich noch einmal stillen bevor ich gehe.
Und das tat ich so gut ich konnte. Aber das Sitzen war eine unmögliche Aufgabe.
Obwohl ich auf dem Rückweg versuchte mir den Weg einzuprägen, war ich außerstande ihn mir zu merken. Ein straff organisierter Mensch, leider völlig ohne Orientierungssinn. Hurra. Und wieder ein Stern für die Mutter des Monats, die sich nicht einmal merken konnte, wo sie ihr eigenes Kind liegen lässt!!!
Kaum war ich in meinem Zimmer angekommen, erhielt ich die Anweisung mich auszuruhen. Aber mein Bett war wie eine Nusschale auf hoher See und die Wände des Raumes flogen im Kreis um mich herum. Mit meinem Handy informierte ich meinen Freund und auch meine Mutter. Im Anschluss war es wieder Zeit zum Füttern. Meine Wanderung dauerte diesmal doppelt so lange, weil ich immer wieder nach dem Weg fragen musste.
Die Intensivstation war durch eine Glastür gesichert und man musste klingeln. Als die Sprechanlage mich fragte, wer da sei, stammelte ich: "Ich will zu Sternchen. Ich bin...äh... die Mutter."
Dieser Satz haute mich um. Es war wie die Erkenntnis einer großen Wahrheit.

Ich bin die Mutter. Die Mutter. Eine Mutter. Eine richtige Mutter. Ich bin Mutter? Mein Gott, ich bin Mutter. Sternchens Mutter. Mutter. Mutter.

In meinen Gedanken hallte das Wort ewig nach. Kennt ihr das, wenn ein Wort zu oft ausgesprochen die Bedeutung verliert? Doch das Wort "Mutter" erhielt für mich mit jedem gedanklichen Echo mehr und mehr Bedeutung. Und es fühlte sich richtig an. Es fühlte sich gut an. Und das also war sie: meine große Berufung! Meine Rolle in der Weltgeschichte. Es war ein Wunder.

Bis ich schließlich angekommen war, hatte Sternchen sich bereits heiser gebrüllt.
"Wir haben uns schon gewundert wo Sie bleiben." sagte eine Schwester lachend. Sie hatte eine Milchflasche in der Hand.
Zufällig hatte ich viel über Saugirritationen gelesen und war auch total empört über die Fertignahrung.  Meine Bemerkung hierüber wurde aber nicht ernst genommen.
Ich versuchte wieder zu stillen. Immernoch kein Einschuss. Nur lächerlich wässrige Vormilch.
Versager.
Nein!
Nicht wieder weinen.
Bitte nicht.
Nicht hier.
Nicht vor Puplikum.
"Warum haben Sie mich nicht angerufen? Ich habe meine Nummer bei Ihrer Kollegin hinterlegt. Warum haben Sie nicht wenigstens in meiner Station angerufen?"
Schulterzucken. Es war ihr egal. "Wir hatten Schichtwechsel. Ich weiß von nichts. Aber ich frag mal nach."
Als mein Stern wieder schlief, wanderte ich zurück.
Im Aufzug wäre ich fast zusammen gebrochen.
Zurück zum anderen Gebäude. Andere Etage, anderer Flur, letztes Zimmer und zum Bett. Drei Tassen Stilltee. Ich muss endlich vernünftige Milch geben! Ich hatte mich doch so sehr aufs stillen gefreut. Ich werd jetzt nicht aufgeben!
Ein Blick zur Uhr.
Eigentlich kann ich auch schon wieder los laufen. Bis ich da bin, ist die Kleine wieder hungrig.
So ging meine zweite Nacht im Krankenhaus rum.
Anderntags trieb ich das Spielchen weiter. Endlich kam der ersehnte Milcheinschuss. Mein Kind wurde zum ersten mal satt.
Die Schwester beäugte mich kritisch. "Finden Sie nicht, dass Sie es mit der Stillerei übertreiben?" Ich war sprachlos. "Wie bitte?"
"Naja, Sie halten sich noch ganz gut, aber wie lange wollen Sie sich denn noch quälen?"
Zum ersten mal in meinem Leben hatte ich eine schlagfertige Antwort für diese dumme Frage parat: "Ich dachte so an die ersten 6 Monate. Und dann fangen wir mit Beikost an."
Ich blickte nicht auf. Hörte nur ihr verächtliches Schnauben und wie sie die Tür hinter sich schloss.
Blöde Kuh.
Glaubte sie etwa, dass ich zu Hause auch das Bett hüten würde? Aber der Triumph des Augenblicks gehörte mir und ich wollte mich nicht ärgern.
Bei meinem nächsten Besuch allerdings war mein Baby zu schwach zum trinken. Jemand brachte mir eine Pumpe und ich versuchte mich daran. Keiner konnte mir erklären, wie man das Ding richtig bediente.
Mehr schlecht als recht brachte ich 40 ml heraus.
In meiner Station gab es ein Stillzimmer. Dort zeigte mir eine andere Mutter wie es richtig geht.
Ein Kurier brachte meine Milch zur Station meines Kindes. Ich selbst durfte für eine Weile nicht hinunter. Wahrscheinlich bot ich ein elendiges Jammerbild.
Ich versuchte zu duschen und mich auszuruhen. Eine Schwester brachte mir Trockenpflaumen, die ich hinunterwürgte. Wegen meines Dammrisses dritten Grades habe ich mich in den ersten zwei Tagen noch nicht zu größeren Geschäften getraut. Mit Hilfe der Pflaumen ging es jedoch.
Am dritten Tag hieß es, dass ich nach Hause gehen sollte. Die Krankenkasse übernimmt nur drei Tage Aufenthalt. Mein Baby sollte alleine hier bleiben.
Mir fiel alles runter. Das konnte ich nicht. Niemals!
Mein Freund kam und wollte mich abholen. Für mich war das alles immernoch wie ein Albtraum. Samstag abend, ohne Milchpumpe und ohne weitere Instruktion und immer noch in Unkenntnis über den Zustand meines Kindes setzte man mich vor die Türe. Weil ich nicht weiter wusste, rief ich meine Hebamme an und erzählte ihr alles. Natürlich heulte ich die ganze Zeit und war halb wahnsinnig vor Schmerz und Verzweiflung. Ich ging in der Lobby des Krankenhauses auf und ab. Mein Freund saß auf meinen gepackten Koffern. Und die Hebamme bläute mir am Telefon ein, mich auf keinen Fall abwimmeln zu lassen. Ich solle für mein Kind kämpfen und ich solle mit allen Mitteln versuchen eine Nacht länger zu bleiben. Ich solle mit dieser Frist versuchen telefonisch eine Notapotheke ausfindig zu machen, die eine elektrische Milchpumpe auf Lager hat.
Ich legte auf und gab mir selbst das Versprechen: Niemals aufgeben, wenn es um mein Kind geht!
Ich drehte auf dem Absatz um, lief zum Pförtner und bat ihn, mich durch zu lassen. (Nach den Besuchszeiten sind die Türen verschlossen.)
Der Pförtner weigerte sich. Ihn interessierte auch meine Geschichte nicht.
Mein Freund und die Koffer hatte ich völlig vergessen. Ich beugte mich über den Tresen, schnappte nach dem Pförtner und schrie ihn an, dass meine Brüste von der Milch gleich explodieren und dass ich jetzt auf der Stelle zu meinem Kind will!!!
Der Mann tastete nach seinem Telefon und ließ den Hörer zwei mal fallen, bevor er es schaffte in meiner ehemaligen Station anzurufen.
"In Ordnung", sagte er und wirkte völlig desolat, "Sie werden noch einmal aufgenommen. Hier entlang bitte."
"Warte!", rief jemand. Es war mein Freund, der mein Gepäck einsammelte. Es war ihm anzusehen, dass er gar nicht dazu gehören wollte.

 

 ...

 

In einem Glückskeks stand einmal geschrieben:

~~Man muss noch Chaos in sich tragen um einen tanzenden Stern gebären zu können~~

 

 

Chaos.

Ja, Chaos beschrieb meine Situation ganz gut. Ich werde nie vergessen, wie ich zurück in meinem Zimmer vor dem Fenster stand, mitten zwischen meinem Gepäck, und in einen tiefen einsamen Abgrund blickte.

 

In dieser Nacht war ich zu aufgebracht, um zu schlafen. Ich weigerte mich auch zum Frühstücksbuffet zu gehen. Lieber kaufte ich mir etwas unten in der Cafeteria. Da ich ein unwillkommener Gast war, wollte ich auch nicht das geringste schuldig bleiben. Ich kümmerte mich um mein Kind und pflegte meine Wunden. An diesem Tage traf es sich, dass mir auf einer meiner Wanderungen ein Arzt begegnete, der mir anbot, meine Naht zu inspizieren. Keine zwei Tage nach der Entbindung war nämlich meine Naht mit einem lauten Knall aufgeplatzt, als ich mich zum stillen hingesetzt hatte. Keiner der Umstehenden will es gehört haben. Heute denke ich, dass der Knall nur in meinem Körper zu hören gewesen war.
Der Arzt untersuchte mich und reinigte die Wunde. Er hörte sich auch meine bisherigen Erfahrungen an und gab mir ein Bewertungsformular. Ich sollte meinen Ärger kund tun. Nur so werde sich etwas ändern.

 

Am Nachmittag erhielt ich den Rückruf meiner Mutter. Ich hatte Poor-Angel beauftragt, mir eine Milchpumpe zu organisieren. Ich hatte kein internetfähiges Zauberhandy und es gab auch sonst keinen der mir helfen wollte. Die einzige Apotheke mit einer Medela lag in Gründau Rothenbergen.

 

Schweren Herzens verließ ich mein Kind.

 

 

Montag morgen.

Ich hatte über Nacht 6 Flaschen abgefüllt und etikettiert. Gleich nach dem Frühstück brachten wir die Fläschchen in einer Kühltasche ins Krankenhaus. Wir hatten nicht viel Zeit, da ich noch einen wichtigen Termin bei meiner Hebamme hatte. Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt war ob der vielen Fahrten und Umstände total gereizt. Ich versprach ihm nur schnell die Milch abzuliefern und sofort wieder raus zu gehen. Als wir jedoch ankamen war Sternchen wach und schrie gotterbärmlich. Ich nahm sie aus dem Bettchen und wiegte sie im Arm. Mein Freund schnauzte mich an: "Was soll das?! Du wolltest doch nur die Milch abliefern und dann wieder raus! Du weißt genau, dass ich eine Krankenhausphobie habe!!!"

Ich war sprachlos. Ich schuckelte weiter mein Kind und blickte von meinem wütenden Freund zu meinem wütenden Baby und dann zu der neugierigen Schwester im Türrahmen. Diese brach in hysterisches Gelächter aus und rannte davon. Au weia! Jetzt sind wir bis in alle Ewigkeit bekannt als die best family ever.

 

 

Zurück in der Heimat wurde ich von meiner Hebamme noch einmal untersucht. Ich fühlte mich gehetzt und wollte eigentlich nur zurück zu Sternchen.

Die Hebamme staunte nicht schlecht über meine Verletzung. Sie schickte mich zur Apotheke um Globulis zu holen (Arnika D6?).

 

Am Nachmittag fuhren wir noch einmal mit einem halben dutzend Flaschen vanillefarbener Milch ins Krankenhaus.

Als wir ankamen war unser Stern schon nicht mehr da. Der Platz an dem ihr Bettchen stand, war leer.

 

....

 

 

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

23.4.18 11:33, kommentieren

Von der Zeit ohne Namen



Natürlich gab es auch eine Zeit bevor ich meine Karriere als Mutter antrat.
Ich zähle mich zu der Kategorie Menschen, die alles im Vorfeld planen und organisieren müssen. So etwas wie Spontanität gibt es in meinem Universum nicht. Weicht das Leben auch nur einen Zoll breit vom Kurs ab, ist das schon die Katastrophe schlechthin. Bitte nicht falsch verstehen! Ich gelte nicht als stur. Im Gegenteil: ich knicke viel zu schnell ein. Der Klügere gibt nach (und ärgert sich den Rest des Tages)... Jedenfalls hatte ich schon in jungen Jahren eine Art To-Do-Liste meines Lebens gefertigt, die ich im Laufe der Jahre immer wieder abänderte oder ergänzte. Die Liste hatte so viele Untergruppen und Verästelungen, dass es schließlich mehrere verschiedene Listen wurden. Da gab es eine Liste über meine sehr genaue Vorstellung von einem Ehemann, eine Liste über mein Sammelsurium an Aussteuer, eine Liste über noch benötigten Hausstand, eine Liste über Pflanzen, die mal in meinem Garten wachsen sollten, eine Liste über Namen und Reihenfolge meiner zu erwartenden Kinder und eine Liste von all den Dingen, die ich noch tun muss, bevor mein Leben vorbei ist. Und diese letztgenannte Liste ist es, wovon mein heutiger Eintrag handeln soll.
In den Western-Geschichten und Filmen wird uns beigebracht, dass die Indianer sich ihre Namen erst verdienen mussten. Tatsächlich änderten sich ihre Namen im Laufe der Zeit immer wieder, was in unserer modernen Welt sicher für viel Verwirrung sorgen würde.
Was mich angeht, kommt es mir beinahe so vor, als hätte ich überhaupt keinen Namen besessen, bevor ich Little-Big-Mom wurde. Zwar gab es genug Hobbys und Interessen, die mein Leben ausfüllten und ich hatte wie jeder andere Mensch auch meine Eigenarten und Eigenschaften, die mich zu etwas Besonderem machten, aber ich wusste immer mit absoluter Bestimmtheit, dass ich MICH noch nicht gefunden hatte. Als seien all meine Fantastereien und Abenteuer bloß Lückenfüller. Ich weiß nicht mehr in welchem Kontext es stand, aber ich hörte einmal im Vorübergehen, wie meine Eltern sich unterhielten und mein Vater mich als "psychisch labil" bezeichnete. Mag sein, dass das eine unschöne Beschreibung für einen jungen ungefestigten Menschen ist, aber ärgerlicherweise passte sie ganz gut.
Meine Rolle war undefiniert.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich in der Schule immer von allen gehasst und gequält wurde. Ich besaß zu wenig Wesen.
Auf der Suche nach mir probierte ich alles aus, was das Leben mir bot.
Ich schrieb Geschichten, ich ging auf Saufpartys, ich rauchte, ich schlüpfte in diverse "Verkleidungen". Aber kein Styling und kein Image schien auf mich passen. Wie alt werde ich gewesen sein als das alles anfing? Ich war auf der Realschule. Also 7., 8., 9., 10. Klasse. In dieser Zeit hatte ich nur einen sehr begrenzten Rahmen an Möglichkeiten. Dazu noch ein strenges Elternhaus und sehr wenig flüssige Mittel. Aber es reichte, um meine ersten Liebesabenteuer hinter ein paar Hecken zu feiern. Oder nachts besoffen über einen Zaun zu klettern um nackt baden zu gehen. Von diesen kleinen Abenteuern ahnten meine Mitschüler natürlich nichts. Auch nicht, dass ich heimlich verbotene Musik von rechtsradikalen Interpreten hörte oder dass ich gegen meinen gewaltbereiten, pädophilen Vater rebellierte. Über mich wussten sie rein gar nichts. Wundersamerweise wurde trotzdem über mich getratscht. Als mich auf dem Pausenhof einer anrempelte und "Fascho" zu mir sagte, weil ich eine britische Bomberjacke trug, wusste ich gar nicht was das heißt. Nicht mal, wie unpassend und dumm die Bemerkung war. In meiner Welt voller Tiefgang und Gedanken, gab es keine Worte neben der Sprachlosigkeit. Ich war mehr als nur schüchtern. Ich versuchte mich verzweifelt mal in dem einen oder anderen Licht zu präsentieren. Als selbstloser Held, oder als finsterer Antagonist und es gelang mir nicht meine Befangenheit zu überwinden und diese Rollenspiele geschickt zum Ausdruck zu bringen. Gewollt und nicht gekonnt nennt man das.
Und wieder war ich nur ein halbes Wesen. Innerlich so angefüllt und nach außen so schräg. Wahrlich ein gefundenes Fressen für die Grüppchen um mich herum. Hätte ich damals nur ein Quentchen Courage besessen oder nur einen Hauch Schlagfertigkeit, wäre ich nie in die Rolle des Opfers geraten, zu welcher mich das Schicksal sodann für viele viele Jahre verdammte.
Ein junger ungefestigter Mensch. Ein Außenseiter. Ein Freak. Ein Jemand, der ein Niemand ist und nicht dazu gehört - nicht dazu gehören will. Ein Lehrerliebling. Ein Streber. Mit einem Butterfly in der Hosentasche und einem Katana im Kinderzimmer. - Auch das wusste niemand über mich -
Ich war ganz verzückt von Waffen. Mein älterer Bruder hatte sie mir besorgt. Er selbst hatte ebenfalls einen Faible dafür und besaß eine recht ansehnliche Reihe verschiedenster Mordinstrumente. Da waren Schwerter, Messer, ein Nunchaku und eine Walther P8 Handfeuerwaffe mir diversen Geschossen (grün, gelb und rot). Ich hatte freien Zugang und durfte im Wald regelmäßg den Umgang üben. Ja, und manchmal kamen die gewissen unschönen Gedanken.... Als ich das erste mal an einen Amoklauf dachte, gab es solche Sensationen im Fernsehen noch nicht. Zumindest waren mir keine bekannt. Ich dachte immer, ich sei die erste und einzige die über einen Rachefeldzug durch die Mobberszene nachdachte. Aber Gott sei Dank, war ich so schüchtern!
Das einzige mal, dass ich mit einem Messer auf einen Jungen los gegangen bin, liegt eine Ewigkeit zurück. Dem Jungen ist natürlich nichts passiert. Ich hab nur geblufft. Aber es war wunderbar mitanzusehen, wie der Anblick meiner Waffe ihm das höhnische Grinsen aus dem Gesicht wischte und er kreidebleich davon jagte. Ich habe diesen Mut für eine enge Freundin aufgebracht, welche in ihrer neuen Schule von diesem Jungen schikaniert wurde. Sie war ein zartbesaitetes Geschöpf und mindestens ebenso schüchtern wie ich. Ihr Umzug damals hat mich schwer getroffen. Umso wichtiger war es mir, ihr bei meinem einmaligen Besuch ganz besonders gefällig zu sein. Es ist schon seltsam. Für mich selbst konnte ich nie stark sein. Immer nur für andere. Das sollte sich wie ein roter Faden durch mein späteres Leben ziehen.
Auf dem Gymnasium ging es mir besser. Zwar gab es auch dort die berüchtigte Grüppchenbildung, allerdings war das Niveau eine ganz andere Liga. Ich brauchte mir über fliegende Schimpfworte oder Papierkügelchen keine Sorgen mehr machen. Allerdings herrschten unterschwellige Differenzen zwischen den Gruppen, die stets lächelnd und höflich ausgetragen wurden. Da gab es die oberflächlichen Zicken, die Pseudo-Gutmenschen und die verkannten Genies. Ich fand mich in der letztgenannten Gruppe ganz gut aufgehoben, obwohl ich wahrscheinlich kein so dolles Genie war. Trotzdem wurde ich geduldet und freundlich behandelt. Auf dem beruflichen Gymnasium mit Schwerpunkt Medien- und Gestaltungstechnik war man sowieso mit ganz anderen Dingen gefordert. Mein Schulweg vom Kaff am Ende der Welt, wo alle zwei Stunden ein Bus fährt, bis hin nach Offenbach am Main dauerte gut zwei-einhalb Stunden einfache Fahrt. Mein Abitur hab ich mehr schlecht als recht mit 3,1 geschafft. Es war einfach zu viel verlangt und zu wenig Zeit zum lernen. Hausaufgaben im Zug machen? Unmöglich! Für Hausaufgaben auf Oberstufenniveau bedurfte es immer unzähliger Quellen und Internet-Recherchen. Mein Schreibtisch war oft übersäht von Büchern und allerlei anderem Material. Dazu das Geflimmer des Bildschirms bis spät in die Nacht. Keine Zeit für Verrücktheiten und To-Do´s.... Naja, ganz so schlimm war es dann doch nicht. Meine beste Freundin aus dieser Ära hatte einen Gefährten, der sie über alles liebte. Er war Soldat bei der Bundeswehr und holte sie manchmal Freitags am Schultor ab. Als ich noch nicht wusste wer er war, machte ich ihm im Vorübergehen ein Kompliment. Nach einem flüchtigen Scan, sagte ich: "Schicke Uniform!" zu ihm. Meine Freundin meinte später zu mir, dass ihm das total viel bedeutet hatte. Als Soldat hörte er sonst ganz andere Dinge von Zivilisten...
So lernte man sich also kennen und traf sich hin und wieder. Wir verstanden uns zu dritt sehr gut. So gut, dass es nach einem Stelldichein mit der Grünen Fee zu einem wilden Dreier zwischen Kissen und Decken in der Liebeshöhle (der Dachboden seines Elternhauses) kam.
Ich würde es nicht unbedingt einen Punkt auf meiner Liste nennen, aber es war ein Erlebnis aus der Zeit ohne Namen.
Nach dem Abi gönnte ich mir ein Jahr Auszeit und jobbte hier und da. Nachts war ich Barmädchen in einer Kneipe, tagsüber half ich bei der Inventur im Bauhaus. In den Mittagspausen nahm ich Fahrstunden. Nach dem Bauhaus, jobbte ich zwei Monate bei BurgerKing (ich machte die Cheeseburger), dann ein paar Monate bei C&A, wo ich Farbpatronen an die Kleider klipste. Ich jobbte an der Kasse eines Toom-Marktes, ich jobbte in einer Büdinger Boutique und ich probierte so lange alles mögliche aus, bis ich ganz genau wusste, was ich nicht werden wollte... Keine der Tätigkeiten brachte den Spaß einer wahren Berufung mit sich. Mein Traum aus Kindertagen, mal zur Bundeswehr zu gehen und Sanitäter zu werden endete mit dem Aufruhr meiner Eltern und den einhergehenden lehrreichen Gruselgeschichten von zu tode geschliffenen Soldatinnen. Meine Mobbing-Opfer-Rolle war noch nicht lange genug her, um mich erneut hinein zu wagen. So hoffte ich weiterhin auf meinen eigentlichen Lebensplan: jung heiraten, Kinder kriegen, zu Hause bleiben und einen großen Garten bestellen. Vielleicht sogar Hühner halten.
Ich schrieb im Laufe meines Führerscheinjahres ungefähr tausend Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz. Ich klappte die gelben Seiten auf und schickte Blindbewerbungen an alle Firmen im Main-Kinzig-Kreis. Sämtlich in verwaltungstechnischer oder bürokaufmännischer Sparte.  Bis heute habe ich den Ordner mit den Absagen aufgehoben. Ein komplett gefüllter Leitz-Ordner. So viele Menschen haben mich nicht gewollt. Es war erschreckend. Einmal erklärte mir eine Dame in einem Vorstellungsgespräch nach Durchsicht meiner Unterlagen, ich sei überqualifiziert. So etwas kann es doch gar nicht geben! Wie kann ein Mensch überhaupt für irgendetwas überqualifiziert sein?!
Ein Jemand, der ein Niemand ist, hat einfach keine allzu hohen Erwartungen oder Maßstäbe.
In Liebesdingen erging es mir ebenso schlecht. Meine erste feste Beziehung nach einer Reihe One-Nights-Stands mit diversen Gentlemen endete sehr aprupt und ohne Vorwarnung. Es gab nicht einmal einen Streit. Mein Partner entschied einfach nach 7 Monaten dass er die Beziehung nicht fortführen will. Da ich grundsätzlich niemandem hinterherlaufe, nahm ich das einfach so hin. Der zweite Mann in meinem Leben war Doppelt so alt wie ich und tat alles, um mir gefällig zu sein. Es dauerte über ein Jahr, bis ich merkte, dass er es tatsächlich auf meinen kleinen Bruder abgesehen hatte und mich nur als Alibi benutzte. Der nächste war jung und gutaussehend. Er war Reservist und machte gelegentliche Übungen mit (ich durfte da auch mal KK schießen). Ansonsten arbeitete er im Sicherheitsdienst. Nach kaum zwei Monaten verlobten wir uns und ich dachte, jetzt hab ich es endlich geschafft. Jetzt werde ich aus dem Turm befreit und vor dem feuerspeihenden Drachen gerettet. Pustekuchen. Er war ein übler Stalker, der mich beherrschen wollte und mich nicht einmal allein zur Arbeit ließ. Einen Ausbildungsplatz hatte ich zu dieser Zeit gerade gefunden. Ein altes Auto nannte ich auch mein Eigen. Aber meine Freiheit war abhängig von der Laune meines Stalkers. Ich durfte zu keinem Familienfest gehen, ich durfte nicht alleine zur Bank oder in den Supermarkt. Er dekorierte mein Auto mit Rosen und kaufte mir teuren Schmuck. Gleichzeitig riss er mir bei voller Fahrt den Autoschlüssel raus, um zu diskutieren und klaute meine Handtasche um mich zu erpressen.
Als ich 300 mal am Tag Anrufe am Arbeitsplatz erhielt reichte es auch meinen Ausbildern. Ich erkundigte mich, was ich tun könnte. Schließlich erstattete ich Anzeige bei der Polizei. Die Sache ging schnell vor Gericht und mein Verlobter wurde zu 65 Arbeitsstunden verurteilt. Die Verlobung wurde damit aufgelöst.
Sehr bald dannach hatte ich wieder einen Partner. Es war mein jetziger Ehemann. Er war der erste halbwegs normale Mensch nach einer Reihe von Verrückten. Wir verlobten uns auch nicht sofort, sondern erst 7 Jahre später. In dieser Zeit konnte ich mich auf meine Selbstfindung konzentrieren. Er war ein Mann, der mir den Freiraum dazu gab. Er war 20 Jahre älter als ich und hatte bereits sein eigenes Leben. Ich konnte meine großen Ziele weitgehendst ohne fremde Hilfe erreichen. Genau wie ich mein Abitur und meinen Führerschein alleine gemacht habe, ging ich nun Fallschirmspringen, einen Berg besteigen und erledigte all die Abenteuer, die ich mir vorgenommen hatte. So brachte ich auch meine Kinder ohne Schmerzmittel zur Welt und finanzierte meine eigenst durchgeplante Hochzeit. Da mein Mann bereits zu lange Single gewesen ist, war er nie mit mir zu einer Einheit verschmolzen, wie man es von der großen Liebe erwarten sollte. Wir waren kein Team und sind es bis heute auch nicht geworden. Wir haben unsere Rollen im Leben gefunden - der eine früher, der andere später - und leben seither nebeneinander her ohne langfristig an den widrigen Umständen zu arbeiten. Es ist auch sinnlos. Meine berüchtigte alljährliche Neujahrsansprache hatte einstweilen bestenfalls eine zweiwöchige Besserung unserer Beziehung zur Folge. Ganz ehrlich: was soll das bringen?
Hat dieser Ritter in schimmernder Rüstung mich nur aus dem Turm befreit, um mich dafür in sein schwarzes Verließ einzukerkern?
Soll ich in die Fußstapfen meiner Mutter treten und als billiges Hausmädchen mein Leben vergeuden?

Ich habe Bilanz gezogen.
Meiner Meinung nach, bin ich bereit mich selbst zu retten.
Bereit, mich noch einmal neu zu erfinden.









22.4.18 16:48, kommentieren

Mein Little-Big-Horn

 

„Mein Waterloo“ würden andere wohl sagen….

Wem genau der endgültige Bruch der Familie zuzuschreiben ist, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben.

Eigentlich war jeder schuld. Und vielleicht war es auch notwendig. Ich für meinen Teil würde offenen ehrlichen Hass jederzeit dem scheinheiligen hinterhältigen aber stets freundlichen Getue vorziehen.

Damals wie heute!

Und so kam es, dass ich den Stein seinerzeit ins Rollen brachte.

 

 

Vorweg sei erwähnt, meine Mutter Poor-Angel musste aus der ehelichen Situation heraus. Mit ihrem Auszug aus der Ehewohnung konnte sie endlich ein wenig aufatmen. Leider lebte damals mein kleiner Bruder Lazy-Horse noch in der Ehewohnung und hat die Scheidung unserer Eltern nur schwer verkraftet. Weil er noch recht jung und unschuldig war, wollten wir ihn nicht zu sehr mit den Hintergrundgeschichten belasten. Er machte auch keine Anstalten es dringend wissen zu wollen. Aber es war offensichtlich, dass er es Poor-Angel übel nahm, dass er – im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern –  nie seine unbekümmerte Kindheit mit beiden Elternteilen bis zu seinem Auszug erleben durfte.(Naja, er ist jetzt 26 Jahre alt und immernoch im Elternhaus als wohnhaft gemeldet...)

Es widerstrebt mir ein bisschen ihn zu erwähnen, aber da er nun mal auch seine Rolle in dem Drama spielt, erzähle ich nun von Colonel Zaster. Mein geldgieriger pädophiler Vater.

Da er von vornherein nie Kinder gewollt und auch keinen Hehl daraus gemacht hat, entstand auch nie das besonders väterliche Verhältnis zwischen ihm und meinen Brüdern und mir. Alles was es gab war der Schein.

Eigentlich darf es mich nicht wundern, dass er mir gegenüber ganz andere Gefühle entwickelte. Was er alles mit mir angestellt hat soll hier nicht im Detail erörtert werden. Ich weiß nicht, ob Kinder hier mitlesen. Fassen wir es grob zusammen und sagen, er hat mich über einen mehrmonatigen Zeitraum sexuell missbraucht als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Als ich befürchten musste, dass er mich eines Tages vielleicht in triebtäterlicher Manier beseitigen würde, vertraute ich mich Poor-Angel an und sie sorgte dafür, dass er mich nicht mehr anrührte. Er beschränkte sich fortan auf „harmlosere“ Belästigungen. Trotzdem stand für mich fest, dass ich da so schnell wie möglich weg musste. Ich begann Aussteuer zu sammeln. Tassen, Gläser, Handtücher, Besteck, etc. Ich plante jung zu heiraten und mit einem jungen Mann und ein bisschen Hausstand eine eigene Familie weit fort von hier zu gründen. Ich fühlte mich zu Hause nicht mehr sicher. Ständig erwischte ich Zaster bei allerlei Hinterhältigkeiten. Mal durchwühlte er meine Unterwäsche. Mal las er mein Tagebuch. Manchmal stand er keuchend in meiner Kinderzimmertür, während ich mich schlafend stellte. Manchmal berührte er mich im Vorbeigehen – wie aus Versehen – an gewissen Körperstellen oder machte unsittliche Bemerkungen, die nur ich zu hören schien. Aus Gründen, die ich nicht verstand, hat er mich zur Psychotherapie angemeldet. Seine neue Masche war es, alles abzustreiten was geschehen war und er wollte mich dort wohl einer Gehirnwäsche unterziehen. Allerdings fand ich in der Psychologin eine freundliche Vertraute, die mir Glauben schenkte und mir half, das Trauma zu verwinden.

Die Jahre vergingen und meine Gefühle für Zaster verdichteten sich zu kalter Verachtung. Hatte ich als junges Mädchen geglaubt, ich sei schuldig oder hätte was verbotenes geduldet, so wusste ich es nach der Psychotherapie besser. Schuldig war Zaster. Und er hat etwas verbotenes getan! Zuerst mit mir, später auch mit minderjährigen Nutten vom thailändischen Babystrich. Sogar meine Nichten hat er schon belästigt. Hoffentlich holt er sich irgendwann eine Seuche, die ihm den Schw#nz abfaulen lässt!

Über seine Geilheit nach Geld gäbe es auch genug zu berichten... Nachdem er die Familie bis zum Schluss knapp gehalten hatte, ist er nun ein reicher alter Mann, der seine Frührente genießt und sich allmonatlich mit Kreuzfahrten und Flugreisen die Zeit vertreibt. Sein Vermögen liegt gut versteckt in den Niederlanden und weiß Gott wo, damit er seiner Unterhaltspflicht gegenüber Poor-Angel entkommen konnte. Poor-Angel hat nicht mal genug Unterhalt um die Umlagen ihrer Wohnung zu decken und Colonel Zaster - der Frührentner - fordert von ihr, dass sie sich Arbeit sucht (trotz ihrer körperlichen Behinderung). Die Frau kann doch nicht mal einen Telefonhörer lang genug halten! Was soll jemand arbeiten, der seine Arme und Beine nicht schmerzfrei bewegen kann und dazu noch eine Sehschwäche und kein Geld für eine anständige Brille hat?

Lazy-Horse hatte ich ja bereits erwähnt. (zufällig ist sein chinesisches Sternzeichen Pferd. Ansonsten ist er seit Kindertagen eine stinkend faule Socke, dem das Glück immer in Schoß fiel) Er ist mein 4 Jahre jüngerer Bruder. Er und ich unterstützen unsere Mutter so gut es geht - auch finanziell. Ich würde gern mehr für sie tun, aber sie will es gar nicht. Zu Lazy-Horse: Er hat sich bei der Bundeswehr etabliert und ist zumindest in beruflicher Hinsicht nicht mehr ganz so faul. Privat hat er ständig wechselnde Partnerinnen und kommt stets vom Regen in die Traufe. Die eine hat gesoffen, die andere war untreu, die nächste hatte Borderline und die Aktuelle ist so eine möchtegern-Gutmensch-Tussie aus Hamburg. Sie predigt von Frieden und Liebe und wirft mit Molotow-Cocktails, wenn man nicht ihrer Meinung ist... Darüber hinaus nimmt sie ihm sein ganzes Geld ab, obwohl sie bereits Unterhalt aus erster Ehe kassiert. Aber das soll mich nicht kümmern. Was mich wohl am meisten an dieser Frau stört ist, dass sie ihre Kinder vernachlässigt, die dringend öfter zur Schule gehen sollten statt den ganzen Tag an ihren Handys zu spielen! Nachts ist sie wach und will Halli-Galli (Hamburg schläft nicht), tagsüber spielt sie dann Dornröschen und kümmert sich um nichts. Für ein bisschen Arbeit ist sie sich zu schade (und zu müde). Ich gebe dieser Person keinen Namen. Es lohnt nicht. Nächstes Jahr ist diese Liaison passé. Ich habe mich auch nicht wegen dieser Lebensabschnittsgefährtin mit Lazy-Horse bis in die Steinzeit verkracht. Es ging vielmehr darum, dass er ein unflätiges Schandmaul hat und mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit beleidigt und betitelt und sich gleichzeitig wer weiß wie toll findet, weil er im Rahmen seiner kaputten Beziehungen allerlei lustige psychosomatische Krankheitsbilder auswendig gelernt hat, so dass er mir sämtliche diesbezügliche Fremdworte ungeniert an den Kopf werfen kann und sich wie ein Eichhörnchen darüber freut, wenn ich für eine passende Antwort erst mal googeln muss. Wenn er gewollt hätte, dass unsere Mutter stolz auf ihn ist, hätte er sein Latein lieber im Arztstudium gelernt, statt beim nachmittäglichen Kiffer-Kränzchen.

Gott, hab ich eine Wut auf diesen Kerl!

Mein älterer Bruder (fortan Sitting-Peeing-Bull genannt) ist das genaue Gegenteil von Lazy-Horse. Ihm ist beruflich keine so große Karriere beschieden worden. Sein einziges zweifelhaftes Glück soll wohl seine kleine Frau sein, unter deren Pantoffel er steht (daher sein unrühmlicher Name) und für die er gewaltig kratzbuckelt. Sie hat sich ihre Stellung auf dem Podest auch gut bezahlen lassen. Wollte sie einen Führerschein, brauchte sie nur mit den Fingern zu schnippen und Sitting-Peeing-Bull hat ihn ihr bezahlt. Wollte sie mit ein paar Freundinnen nach Mallorca, so hat er auch das bezahlt und dazu noch die (fast gemeinsamen) Kinder gehütet.  Ich bin bis heute überzeugt, dass sie Sitting-Peeing-Bull beim zweiten Kind gewaltig Hörner aufgesetzt hat.  Zum einen sieht das Kind meinem Bruder nicht sehr ähnlich (wohl aber dem mutmaßlichen Erzeuger), zum anderen war ich damals noch die allerbeste Freundin und habe ihre mehrmonatige Affäre live und in allen Einzelheiten mitbekommen.

Sitting-Peeing-Bull darf sich aber nicht beschweren. Seine Schwiegereltern lassen ihn kostenfrei im modernisierten Anbau – eine Maisonette-Wohnung auf zwei Ebenen und großzügigem Garten – leben. Da er sich auch mit Colonel Zaster gut versteht, profitiert er auch aus dieser Richtung.

Als ich zum ersten mal schwanger war, fing seine Frau – meine damalige Freundin – an mich auf Schritt und Tritt zu kontrollieren und zu verbessern. Aus ihren anfänglich gut gemeinten Ratschlägen wurden schließlich Vorwürfe, wenn ich anders handelte. Da ich beruflich damals gerade meinen Hals in der Schlinge hatte (mein damaliger Chef, ein frankfurter Anwalt, hatte mich wegen der Schwangerschaft nicht kündigen können und strafte mich mit übelstem Mobbing) war ich ohnehin sehr angeschlagen und nervlich am Ende. Bedingt durch die hochsommerliche Hitze und meine allgegenwärtige Übelkeit konnte ich kaum genug Flüssigkeit zu mir nehmen, so dass es mir wirklich schlecht ging. Als ich endlich ein Getränk fand, welches ich bei mir behalten konnte, kümmerte es mich herzlich wenig, dass es ausgerechnet Cola war. Meine Schwägerin jedoch plusterte sich auf und begann hinter meinem Rücken in der Familie über mich zu lästern. Sie erzählte unter anderem, dass ich mit Cola versuchen wollte, mein ungeborenes Kind zu beseitigen. Das war denn echt zu viel des Guten! Von den üblen Nachrichten der aufgewiegelten Verwandtschaft ganz zu schweigen!

Ich schrieb einen langen wütenden Brief mit all den unschönen Wahrheiten über meine Schwägerin zu ihren Händen. Darin ließ ich sie mal ihre eigene Medizin schmecken. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Aber immerhin war ich den direkten Weg gegangen, ohne hintenrum zu tratschen.  Die Folgen meines Handelns sind in der Familie bekannt. Ich fiel in Acht und Bann. Und jeder der sich mit mir abgab ebenfalls.

Um der ganzen Situation zu entkommen, verbrachte ich einen Kurzurlaub in Konstanz zusammen mit Poor-Angel, weil ich mich in meinem Zustand nicht alleine traute. Es war ein schöner Trip und ich erholte mich gut. Sogar Poor-Angel fand den Tapetenwechsel ganz gut, obwohl sie nicht viel besichtigen konnte. In der Familie brodelte es natürlich lustig weiter. Kaum waren wir zurück, wurde Poor-Angel von der Familie ebenfalls verstoßen. Hauptsächlich wegen ihrem guten Verhältnis zu mir. Aber auch, weil sie sich beschwichtigend in eine andere Angelegenheit eingemischt hatte. Meine Brüder hatten zu dem Zeitpunkt nämlich auch eine kleine Meinungsverschiedenheit. Es ging um Geld. Der Kleine schuldete dem Großen ein unbeträchtliches Sümmchen. Es war eine Lappalie, aber es genügte das der Haussegen zwischen Sitting-Peeing-Bull und seinem Drachen schief hing. Poor-Angel schickte Lazy-Horse also dort hin, um endlich die Situation zu klären. Lazy-Horse war schlecht gelaunt, weil er eigentlich zu faul war, extra da hin zu fahren um die Sache ins Reine zu bringen. Geld genug hatte er zwar, aber er ließ sich auch nicht gerne gängeln. So kam es, dass Lazy-Horse als er dort aufschlug einen dummen Spruch von sich gab und seiner Schwägerin, die zufällig die Tür geöffnet hatte, das Geld vor die Füße warf. Für Sitting-Peeing-Bull und seine Frau machte es den Anschein, als habe Poor-Angel Zwietracht säen wollen. Da sie ohnehin schlecht auf Poor-Angel zu sprechen waren, erklärten sie sie kurzerhand in einem letzten wütenden Telefonanruf buchstäblich für tot.

So kam es dass meine Mutter die Kinder ihres Sohnes nie mehr wiedersehen durfte. Die Verzweiflung hierüber ließ Poor-Angel ein ganzes Jahr nicht los und stürzte sie in eine unbeschreibliche Depression. Mein eigenes Kind war schon lange auf der Welt, als meine Mutter endlich ihre Trauer wieder in den Griff bekam. Aber die Kluft in der Familie bleibt unüberwindlich. Ich kann Sitting-Peeing-Bull und Lazy-Horse niemals verzeihen, dass sie unserer Mutter wegen nichts und wieder nichts so übel mitspielen mussten!

 

Und ich kann es mir auch nicht verzeihen.

 

16.4.18 12:33, kommentieren

Wohnungswahnsinn

Lange bevor ich die Trennung ausgesprochen habe, hatte ich mich prophylaktisch auf dem Wohnungsmarkt umgesehen. Tatsächlich tauchten in regelmäßigen Abständen immer wieder bezahlbare Wohnungen in Internet-Anzeigen und Zeitungsannoncen auf. Umso mehr empfand ich dann die Härte der Realität als derber Rückschlag.

Pünktlich zu Beginn des neuen Jahres schrieb ich die ersten Vermieter bei Ebay-Kleinanzeigen an. Ich erhielt auch prompt zwei Einladungen zu Besichtigungsterminen.

Allerdings entpuppten sich die hochgelobten Wohnungen als schauerliche Enttäuschungen. Das eine war eine düstere Kellergeschichte in Hanglage jenseits der Zivilisation, das andere war eine uralte Bruchbude mit deutlich weniger Quadratmetern als angegeben und einem freilaufenden Schäferhund im Hof, der keine Kinder mag.

Weiterhin fröhlich optimistisch meldete ich mich bei Immobilienscout24. Als jedoch viele meiner Anfragen gar nicht erst beantwortet wurden, dämmerte mir, dass ich richtige Bewerbungen schreiben muss. Aus meinen ausführlichen Bewerbungen wurden schließlich ganze Bewerbungsmappen mit umfangreichen Anlagen (Schufa-Auskunft, bisherige Nebenkostenabrechnungen, Mieter-Selbstauskunft, Gehaltsabrechnungen, anwaltliche Unterhaltsberechnung usw.).

Bei den darauf folgenden Terminen durfte ich erfahren, was es wirklich heißt, bei vernünftigen Wohnungen vorstellig zu werden: knappe 30 Leute stoßen sich mit Ellbogen durch die kleine 3-Zimmer-Wohnung, um zu gucken und zu messen und sich im Geiste schon einzurichten.

Die meisten davon junge dynamische Doppelverdiener-Pärchen ohne Kinder. Der Rest: ruhige alte gut betuchte Rentner.

Ich kam mir vor wie bei einem Wettrennen gegen Olympioniken.

 

Meine Anrufe bei Zeitungsannoncen brachten auch nicht den gewünschten Erfolg. Ein älterer Typ am Telefon fiel mir gleich zu Anfang ins Wort und fragte, warum ich nicht Vollzeit arbeite? Mit meinen knapp 30 Jahren sei ich schließlich bestens dazu in der Lage!

Ja, freilich! Ich kann auch dafür arbeiten um eine Tagesmutter zu bezahlen. Oder aber ich bin und bleibe die Mama, die ich immer sein wollte und kümmer mich selbst um meine Kinderchen.

Natürlich blieb ich höflich und erklärte, dass ich in einigen Jahren wieder mehr arbeiten könne. Das interessierte ihn aber nicht.

Mein nächster Anruf richtete sich an eine Hausverwaltung. Die Dame am Telefon würgte mich ebenfalls sofort ab mit den Worten: „Oh alleinerziehend? Tut mir leid, aber wir haben bereits einen alleinerziehenden Vater in dem Wohn-Gebäude und suchen nun angestrengt nach einer gesunden Familie, um das wieder auszugleichen!“

Ich konnte meinen Ärger kaum unterdrücken. Zum einen empfand ich meine Familie nicht als ungesund, zum anderen war das schiere Diskriminierung!

Aber auch alle Freundlichkeit der Welt brachte mich nicht weiter.

Ich begann Immobilienbüros und Makler anzuschreiben. Kein Erfolg.

Ich suchte bei Facebook, Immonet, Immowelt, Ebay-Kleinanzeigen, in den jeweiligen Zeitungen der verschiedenen Ortschaften, die sich um meinen Arbeitsplatz sortierten.

Ich druckte und verteilte Flugblätter.

Ich meldete mich bei Foren und Gruppen.

Ich schrieb Gesuch-Kärtchen bei Supermärkten.

Ich betrieb Konversation mit jedem, der meinen Weg kreuzte.

Es half alles nichts.

 

Mittlerweile war meine Situation so bekannt – ich war so bekannt – dass es mir beinahe peinlich wurde. Aber die Leute waren nett. Bei Facebook wurde ich sporadisch verlinkt oder bekam Zeitungsannoncen zugeschickt. Viele schickten mir liebe Grüße oder aufmunternde Worte.

Einige andere fanden meine Suche leider schnell nervig und reagierten gereizt.

Ganz schlimm wurde es in einer Facebook-Gruppe „Herzliches Gelnhausen“ oder so ähnlich. Dort hat der Admin nach einiger Zeit meinen Beitrag sperren lassen, weil die Resonanz zu groß wurde. Schließlich hat er alles gelöscht und mich aus der Gruppe geworfen, weil er seine Macht demonstrieren musste. Das war sehr schade, denn ich hatte in der Gruppe viel Zuspruch von den Mitgliedern erfahren.

Noch schlimmer war für mich der Telefonterror. Ich hatte eine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen geschaltet und meine Handynummer öffentlich angegeben. Es war mir nicht klar, dass sich so viele Perverslinge und #rschlöcher bei  Ebay-Kleinanzeigen tummeln. Ich bekam Anrufe mitten in der Nacht. Es wurde pornographisches Material am Hörer abgespielt. Ich bekam zwielichtige Angebote und Einladungen und andere Doppeldeutigkeiten und Frechheiten zu hören. Einer wollte mich bei sich wohnen lassen, wenn ich ihm zu einem deutschen Pass verhelfe. Ein anderer verlange sexuelle Gefälligkeiten. Wieder einer wurde aggressiv, nachdem ich ihm mitteilte, dass ich nicht auf der Suche nach einem neuen Partner sei. Er warf mir ein paar üble Schimpfworte an den Kopf und ich drückte ihn weg.

Schließlich nahm ich keine Anrufe mehr mit unterdrückten Telefonnummern entgegen.

 

Meine Laune schwang um. Ich wurde Depressiv. Ich wurde launisch. Meine Träume vom Einzug in eine bunte Welt und die ganze Euphorie verpufften und ich lief rum wie ein Zombie.

Es war für mich ein unerklärliches Rätsel, woher plötzlich diese Wohnungsnot in Deutschland kam. Es machte mich so fertig, dass ich auf der Arbeit unkonzentriert und zu Hause reizbar und antriebslos war. Das machte sich auch bald in Wäschebergen und ähnlichem Unrat bemerkbar.  

Hinzu kamen die Launen meines Mannes. Ich konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, dass er mit seinen Gefühlen und der Situation überfordert war. Aber ich fand auch beim besten Willen keinen Trost für ihn. Das einzige was ich für ihn tun konnte, war weiter munter für ihn einkaufen und ihm sein Essen kochen. Frei nach dem Motto: ist der Kühlschrank voll, ist der Rest nur halb so schlimm.

Trotzdem ärgerte es mich, mitanzusehen, wie er sich den Kindern gegenüber gebärdete….

Wo er sonst kaltlächelnd zur Spätschicht hinaus spazierte, fiel er nun plötzlich vor den Kids auf die Knie und jammerte herum, dass es ihm so leid täte, er aber doch jetzt zur Arbeit gehen müsse obwohl er viel lieber hier bliebe und blablabla. Dabei immer schön von sich als Papa in der dritten Person gesprochen. Echt nervig.

Manchmal klingelte es mittags an der Tür (die Kleine braucht noch Mittagsschlaf) und einer seiner Kumpels baute sich vor mir auf und überschüttete mich mit Vorwürfen und wollte wissen, was hier los sei. Nachdem ich drei mal dieses Spielchen mit verschiedenen Leuten so höflich wie möglich mitgemacht hatte, verließ mich auch hier allmählich die Geduld.

Geht ja auch eigentlich niemanden etwas an.

 

Als es nun Frühling wurde und alles um mich herum zu neuem Leben erwachte, raffte ich mich noch einmal zu einem Höhenflug auf und unternahm wieder vermehrt Wohnungsbesichtigungen.

Ich tappte von einer Katastrophe in die nächste und bekam leider viel zu oft zu spüren, wie unerwünscht meine Kinder überall waren. Vor zwei Tagen verlange eine Vermietern 260 € Zuschlag, wegen Kinderlärm, weil sie unten drunter wohne.

Ich fühle mich so verarscht von der Welt, es ist nicht in Worte zu fassen!

 

Jetzt erreicht mich eine E-Mail von einer Maklerin, die ich schon ganz vergessen hatte. Die Besichtigung liegt schon mehrere Wochen zurück und ich hatte mit keiner Antwort mehr gerechnet. Anscheinend sind einige Interessenden abgesprungen und man will mir in einigen Tagen einen Vertragsentwurf zukommen lassen.

Sodann würde ich einen Termin für alles weitere erhalten.

Jetzt bin ich verständlicherweise sehr aufgeregt, denn es wird ernst. Hoffentlich geht alles gut. Hoffentlich schaffe ich das alles.

 

 

Ich weiß nicht was mich erwartet

1 Kommentar 16.4.18 11:03, kommentieren



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