reflections

Wohnungswahnsinn

Lange bevor ich die Trennung ausgesprochen habe, hatte ich mich prophylaktisch auf dem Wohnungsmarkt umgesehen. Tatsächlich tauchten in regelmäßigen Abständen immer wieder bezahlbare Wohnungen in Internet-Anzeigen und Zeitungsannoncen auf. Umso mehr empfand ich dann die Härte der Realität als derber Rückschlag.

Pünktlich zu Beginn des neuen Jahres schrieb ich die ersten Vermieter bei Ebay-Kleinanzeigen an. Ich erhielt auch prompt zwei Einladungen zu Besichtigungsterminen.

Allerdings entpuppten sich die hochgelobten Wohnungen als schauerliche Enttäuschungen. Das eine war eine düstere Kellergeschichte in Hanglage jenseits der Zivilisation, das andere war eine uralte Bruchbude mit deutlich weniger Quadratmetern als angegeben und einem freilaufenden Schäferhund im Hof, der keine Kinder mag.

Weiterhin fröhlich optimistisch meldete ich mich bei Immobilienscout24. Als jedoch viele meiner Anfragen gar nicht erst beantwortet wurden, dämmerte mir, dass ich richtige Bewerbungen schreiben muss. Aus meinen ausführlichen Bewerbungen wurden schließlich ganze Bewerbungsmappen mit umfangreichen Anlagen (Schufa-Auskunft, bisherige Nebenkostenabrechnungen, Mieter-Selbstauskunft, Gehaltsabrechnungen, anwaltliche Unterhaltsberechnung usw.).

Bei den darauf folgenden Terminen durfte ich erfahren, was es wirklich heißt, bei vernünftigen Wohnungen vorstellig zu werden: knappe 30 Leute stoßen sich mit Ellbogen durch die kleine 3-Zimmer-Wohnung, um zu gucken und zu messen und sich im Geiste schon einzurichten.

Die meisten davon junge dynamische Doppelverdiener-Pärchen ohne Kinder. Der Rest: ruhige alte gut betuchte Rentner.

Ich kam mir vor wie bei einem Wettrennen gegen Olympioniken.

 

Meine Anrufe bei Zeitungsannoncen brachten auch nicht den gewünschten Erfolg. Ein älterer Typ am Telefon fiel mir gleich zu Anfang ins Wort und fragte, warum ich nicht Vollzeit arbeite? Mit meinen knapp 30 Jahren sei ich schließlich bestens dazu in der Lage!

Ja, freilich! Ich kann auch dafür arbeiten um eine Tagesmutter zu bezahlen. Oder aber ich bin und bleibe die Mama, die ich immer sein wollte und kümmer mich selbst um meine Kinderchen.

Natürlich blieb ich höflich und erklärte, dass ich in einigen Jahren wieder mehr arbeiten könne. Das interessierte ihn aber nicht.

Mein nächster Anruf richtete sich an eine Hausverwaltung. Die Dame am Telefon würgte mich ebenfalls sofort ab mit den Worten: „Oh alleinerziehend? Tut mir leid, aber wir haben bereits einen alleinerziehenden Vater in dem Wohn-Gebäude und suchen nun angestrengt nach einer gesunden Familie, um das wieder auszugleichen!“

Ich konnte meinen Ärger kaum unterdrücken. Zum einen empfand ich meine Familie nicht als ungesund, zum anderen war das schiere Diskriminierung!

Aber auch alle Freundlichkeit der Welt brachte mich nicht weiter.

Ich begann Immobilienbüros und Makler anzuschreiben. Kein Erfolg.

Ich suchte bei Facebook, Immonet, Immowelt, Ebay-Kleinanzeigen, in den jeweiligen Zeitungen der verschiedenen Ortschaften, die sich um meinen Arbeitsplatz sortierten.

Ich druckte und verteilte Flugblätter.

Ich meldete mich bei Foren und Gruppen.

Ich schrieb Gesuch-Kärtchen bei Supermärkten.

Ich betrieb Konversation mit jedem, der meinen Weg kreuzte.

Es half alles nichts.

 

Mittlerweile war meine Situation so bekannt – ich war so bekannt – dass es mir beinahe peinlich wurde. Aber die Leute waren nett. Bei Facebook wurde ich sporadisch verlinkt oder bekam Zeitungsannoncen zugeschickt. Viele schickten mir liebe Grüße oder aufmunternde Worte.

Einige andere fanden meine Suche leider schnell nervig und reagierten gereizt.

Ganz schlimm wurde es in einer Facebook-Gruppe „Herzliches Gelnhausen“ oder so ähnlich. Dort hat der Admin nach einiger Zeit meinen Beitrag sperren lassen, weil die Resonanz zu groß wurde. Schließlich hat er alles gelöscht und mich aus der Gruppe geworfen, weil er seine Macht demonstrieren musste. Das war sehr schade, denn ich hatte in der Gruppe viel Zuspruch von den Mitgliedern erfahren.

Noch schlimmer war für mich der Telefonterror. Ich hatte eine Anzeige bei Ebay-Kleinanzeigen geschaltet und meine Handynummer öffentlich angegeben. Es war mir nicht klar, dass sich so viele Perverslinge und #rschlöcher bei  Ebay-Kleinanzeigen tummeln. Ich bekam Anrufe mitten in der Nacht. Es wurde pornographisches Material am Hörer abgespielt. Ich bekam zwielichtige Angebote und Einladungen und andere Doppeldeutigkeiten und Frechheiten zu hören. Einer wollte mich bei sich wohnen lassen, wenn ich ihm zu einem deutschen Pass verhelfe. Ein anderer verlange sexuelle Gefälligkeiten. Wieder einer wurde aggressiv, nachdem ich ihm mitteilte, dass ich nicht auf der Suche nach einem neuen Partner sei. Er warf mir ein paar üble Schimpfworte an den Kopf und ich drückte ihn weg.

Schließlich nahm ich keine Anrufe mehr mit unterdrückten Telefonnummern entgegen.

 

Meine Laune schwang um. Ich wurde Depressiv. Ich wurde launisch. Meine Träume vom Einzug in eine bunte Welt und die ganze Euphorie verpufften und ich lief rum wie ein Zombie.

Es war für mich ein unerklärliches Rätsel, woher plötzlich diese Wohnungsnot in Deutschland kam. Es machte mich so fertig, dass ich auf der Arbeit unkonzentriert und zu Hause reizbar und antriebslos war. Das machte sich auch bald in Wäschebergen und ähnlichem Unrat bemerkbar.  

Hinzu kamen die Launen meines Mannes. Ich konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, dass er mit seinen Gefühlen und der Situation überfordert war. Aber ich fand auch beim besten Willen keinen Trost für ihn. Das einzige was ich für ihn tun konnte, war weiter munter für ihn einkaufen und ihm sein Essen kochen. Frei nach dem Motto: ist der Kühlschrank voll, ist der Rest nur halb so schlimm.

Trotzdem ärgerte es mich, mitanzusehen, wie er sich den Kindern gegenüber gebärdete….

Wo er sonst kaltlächelnd zur Spätschicht hinaus spazierte, fiel er nun plötzlich vor den Kids auf die Knie und jammerte herum, dass es ihm so leid täte, er aber doch jetzt zur Arbeit gehen müsse obwohl er viel lieber hier bliebe und blablabla. Dabei immer schön von sich als Papa in der dritten Person gesprochen. Echt nervig.

Manchmal klingelte es mittags an der Tür (die Kleine braucht noch Mittagsschlaf) und einer seiner Kumpels baute sich vor mir auf und überschüttete mich mit Vorwürfen und wollte wissen, was hier los sei. Nachdem ich drei mal dieses Spielchen mit verschiedenen Leuten so höflich wie möglich mitgemacht hatte, verließ mich auch hier allmählich die Geduld.

Geht ja auch eigentlich niemanden etwas an.

 

Als es nun Frühling wurde und alles um mich herum zu neuem Leben erwachte, raffte ich mich noch einmal zu einem Höhenflug auf und unternahm wieder vermehrt Wohnungsbesichtigungen.

Ich tappte von einer Katastrophe in die nächste und bekam leider viel zu oft zu spüren, wie unerwünscht meine Kinder überall waren. Vor zwei Tagen verlange eine Vermietern 260 € Zuschlag, wegen Kinderlärm, weil sie unten drunter wohne.

Ich fühle mich so verarscht von der Welt, es ist nicht in Worte zu fassen!

 

Jetzt erreicht mich eine E-Mail von einer Maklerin, die ich schon ganz vergessen hatte. Die Besichtigung liegt schon mehrere Wochen zurück und ich hatte mit keiner Antwort mehr gerechnet. Anscheinend sind einige Interessenden abgesprungen und man will mir in einigen Tagen einen Vertragsentwurf zukommen lassen.

Sodann würde ich einen Termin für alles weitere erhalten.

Jetzt bin ich verständlicherweise sehr aufgeregt, denn es wird ernst. Hoffentlich geht alles gut. Hoffentlich schaffe ich das alles.

 

 

Ich weiß nicht was mich erwartet

16.4.18 11:03

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