reflections

Poor Devil


Ein viertel Jahr ist vergangen seit ich mich Gott befohlen und in neue Gefilde gewagt habe.
Meine Fortschritte sowie meine Renovierungskünste mit zwei Kindern im Schlepp lassen sehr zu wünschen übrig und so langsam beschleicht mich das Gefühl, dass ich eine alte Frau sein werde, bis die letzte Kiste ausgepackt ist.
Hinzu kommt, dass ich bis vor kurzem noch Vollzeit arbeiten und Überstunden machen musste, um u. a. meine sämtlichen Darlehen zu finanzieren.
Jetzt hat sich meine Lage eigentlich etwas entspannen sollen. Ich arbeite nur noch einen Tag voll und an zwei weiteren Tagen nur halb. Des weiteren gebe ich neuerdings Nachhilfe in Rechnungswesen gem. VV RVG.
Kaum dass sich aber die dunklen Wolken um mein Sichtfeld zurück gezogen hatten, geschah das nächste Unglück: Es war Sonntag, der 23. September, als ich meine älteste Tochter von einem Umgangswochenende beim Papa abholen sollte. Es hatte an diesem Tag stark geregnet - nach dem langen trockenen Sommer eigentlich eine willkommene Abwechslung - und ich war mit dem Baby an Bord in Richtung Autobahnauffahrt unterwegs, als ich plötzlich unmittelbar vor einer Unterführung in die Eisen steigen musste. Die ganze Unterführung war geflutet. Nun war es für mich als ahnungslose Neubürgerin schwerlich abzuschätzen, wie tief nun Wasser tatsächlich war. Ich wusste aus Erfahrung, dass mich mein Auto schon des öfteren problemlos durch Überflutungen gebracht hatte. Um ganz sicher zu gehen setzte ich noch einmal ein Stück zurück und fuhr so schnell ich konnte in die Geschichte hinein. Ich war überzeugt genug Schwung zu haben, dass mein Auto, sobald es den Kontakt zur Straße verlor, den Rest des Hochwassers schwimmend überqueren konnte.
Leider geschah etwas ganz anderes. Nach hälftiger Strecke machte mein Motor befremdliche Geräusche und versagte den Dienst.
Ich will mich jetzt nicht länger damit aufhalten zu beschreiben, wie mir zumute war, als ich in der dunklen Unterführung stand und durch mein Seitenfenster das schwarze Wasser an der Oberkante meines Schwellers vorbei treiben sah, dass es Anschein erweckte ich würde in einer Nussschale dahin dümpeln.
Es ist sowieso unbeschreiblich.
Tatsache ist, dass ich die Feuerwehr rufen musste, da der ADAC mir am Telefon etwas von einer 3-Stunden-Wartefirst erzählt hatte und ich befürchten musste, dass das Wasser noch weiter ansteigen und den Innenraum fluten würde. Honigdachs ging es übrigens prächtig. Sie saß in ihrer VIP-Lounge, zog sich die Gummistiefel aus und plapperte unverdrossen vor sich hin, während ich vergeblich versuchte den Motor oder wenigstens die Warnblinklichtanlage in Gang zu kriegen.
Bis die Feuerwehr eintraf vergingen vielleicht 30 Sekunden. Gerade genug Zeit, um meine Mama anzurufen und sie in Angst und Schrecken zu versetzen.
Es hatten sich unterdessen auch ein paar andere Verkehrsteilnehmer bis an den Rand des neuen Angelweihers vorgewagt, sind dann jedoch (nachdem sie mit Gaffen fertig waren) wieder weg gefahren. So kam es, dass ich dem Treiben auf der Straße keine Beachtung mehr schenkte - auch nicht, als ein schwarzer Golf angejagt kam und sich quer auf die Straße stellte, um die Durchfahrt zu blockieren. Erst als ein Mann in schwarz-gelber Schutzkleidung ausstieg und mir ein Stück entgegen trat, blickte ich auf. Er hob eine Hand, um mich zu beruhigen und bediente mit der anderen ein Funkgerät. Kurz darauf waren zwei große Löschfahrzeuge da. Eines hinter mir, eines vor mir. Ich kurbelte rechts und links die Scheiben vorne runter. Dann schoben mich ein halbes dutzend Männer der freiwilligen Feuerwehr aus der Misere.
Als mein Auto an die Seite geschafft war, wurden meine Personalien aufgenommen.
Mittlerweile langweilte sich Honigdachs und tat ihren Unwillen kund. Einer der Männer schenkte ihr ein Kuscheltier, welches sie ihm jedoch gleich wieder an den Kopf warf, was alle sehr erheiterte. Bei mir setzten in diesem Moment jedoch die Auswirkungen des Schocks ein. Meine Beine zitterten unkontrolliert und mir war unendlich kalt.
Die Männer behandelten mich sehr zuvorkommend. Obwohl ich auf meiner Reise nicht weit gekommen war und ich den Heimweg bequem zu Fuß zurück legen hätte können, ließen sie es sich nicht nehmen, mich und das Baby im LKW nach Hause zu fahren.
Mein Mann war natürlich nicht sehr begeistert, aber er brachte Sternchen ohne murren und knurren zu mir. Er ließ es sich auch nicht nehmen, seine Meinung über meine Waghalsigkeit kund zu tun. Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen...

Als es abends ruhiger wurde, sprach ich in Facebook öffentlich meinen Dank an die Feuerwehrleute aus. Auf diese Weise lernte ich drei meiner Retter näher kennen und unterhalte mich mit ihnen seither sehr angenehm per Messenger und whattsapp. Einer von ihnen ist etwas gesetzteren Alters und erwies sich als besonders hartnäckig. Er hat mich in ein Telefonat verwickelt und sich 3 Stunden lang mit mir unterhalten. Das war eigentlich ganz ok. Hab sogar gelacht und konnte ein bischen reden. Sowas tut auch manchmal gut. Leider bombadiert er mich seither rund um die Uhr mit Nachrichten, dass ich praktisch nur noch am Handy hänge und sonst für nichts mehr Zeit finde. Damit hab ich gestern Schluss gemacht. Ich kann einfach nicht mehr. Der Typ fordert mein ganzes Pensum an Aufmerksamkeit, so dass mein Tagewerk und mein täglicher Wettlauf gegen die Zeit ins Stocken gerät. Wer alleinerziehend ist, hat in der Regel einen straff organisierten Plan. Jede Unregelmäßigkeit darin gilt es zu vermeiden.
Solang ich nicht mal weiß, wie ich mein Kind in den Kindergarten (40 Minuten zu Fuß schaffe, oder wie ich Einkäufe und Arbeitswege geregelt kriegen soll, bin ich ohnehin nicht allzu empfänglich für irgendwelche Ablenkungen.  Und schon gar nicht auf Menschen, die sofort beleidigt sind, wenn man nicht gleich antworten kann...
Ich habe mein Auto in eine Werkstatt hier im Ort schleppen lassen und bin mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren (ich war steifgefroren als ich nach 35 Minuten ankam).
Der KFZ-Meister gefällt mir. Er ist jung, gutaussehend und lässt mich in Ruhe.
Seine Diagnose war einleuchtend: Verbogene Pleuelstangen nach Wasserschlag.
Er wird sich nach einem entsprechenden Motor umsehen. Mein Nachbar tut mir den gleichen Gefallen. Sogar Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt fährt heute auf einen Schrottplatz. Ich selbst war auch nicht faul und habe einen Facebook-Aufruf in allen Flohmarktgruppen geschaltet.

Abgesehen von diesem kleinen Abteuer, haben mich noch ganz andere Dinge aus der Bahn geworfen: Für einige Tage war die Heizung ausgefallen und ich hatte kein warmes Wasser mehr. Eine Heizungsfirma ist zwar dagewesen, aber die Anlage ist dennoch sehr störanfällig geworden und fällt nun öfter mal aus. Mein Nachbar hilft mir auch hier und rennt immer wieder für mich in den Keller. Das tut mir so leid.

Hinzu kommt, dass ich mich mit Poor-Angel seit einigen Wochen nicht mehr so gut verstehe. Es braucht nur eine Kleinigkeit, dass ich explodiere. Seltsamerweise war das nicht der Fall, als ich zwei Monate mit den Kindern bei ihr zugebracht hatte. Aber seit sie zum Babysitten in meine Wohnung kommt, ist der Wurm drin. Ich fühle mich durch all ihre Äußerungen auf den Schlips getreten. Das mag wohl daran liegen, dass wir beide den typischen Kommandoton einer Mutter inne haben. Vielleicht liegt es auch an meinem neuentdeckten Territorialverhalten. Schließlich ist das hier meine Wohnung und hier hab nur ich allein zu entscheiden.
Ich schätze aber, es liegt daran, dass es meiner Mutter in vielen Dingen nie schnell genug gehen kann, während ich für jede Aktivität erst eine handfeste Strategie ausarbeiten muss.
Wenn sie sagt: "Auf, pack dich. Nimm mein Auto und fahr doch mal schnell bei der Werkstatt vorbei. Dann kannst du schon mal ein paar Sachen aus deinem Wagen holen."
Denke ich: "Ich muss erst die Öffnungszeiten googeln und vorher anrufen ehe ich aufkreuze. Ich muss mir etwas anziehen, womit ich den Preis drücken kann und eigentlich müsste ich heute Haare waschen, denn so will ich nicht vor dir Tür. Außerdem muss ich mich erst mit dem Gedanken anfreunden und mir überlegen, was ich sage, wenn ich da bin. Was ist, wenn er fragt, warum ich mein Auto ausräume? Am Ende denkt er, ich hätte kein Vertrauen in seine Fähigkeiten. Und was sage ich wegen einem Ersatzmotor? Ich hab ja noch keine Rückmeldung von meinen Leuten. "usw usw
Und noch während ich meine Gedanken ordne, wird sie ungeduldig.
Es sind immer wieder Kleinigkeiten, in denen sie es eilig hat während ich mir das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen will. Sie wartet auch nicht ab, dass ich mich mal entscheide wie ich was erledige. Oft versucht sie dann irgendwas alleine und wird dann sauer, wenn es nicht so klappt, wie sie will. Dann schiebt sie die Schuld auch gerne von sich.
Ja, in meiner Wohnung ist alles ganz furchtbar. Das W-LAN reicht nicht bis ins Wohnzimmer. Die Zahlen der Wanduhr sind zu unleserlich. Der Handtuchhalter fällt immer runter. Der Berg Wäsche ist ein echtes Problem! Hier gibts ja nicht einmal einen Salzstreuer. Und natürlich stehen die Schüsseln nicht da, wo sie sie sucht. Außerdem gibt es nicht genug Bettdecken, weshalb sie nun selber welche kaufen will, obwohl ich mir das gerne selber aussuchen möchte, sobald ich wieder Geld hab. Und Bienen, die still halten, wollen sowieso sterben. Besser man zerreibt sie auf der Tischdecke, bevor sie einen stechen und behauptet dann, man habe sie nur runter kehren wollen.... Die besten Sätze von ihr beginnen mit: "Ich will ja nix sagen, aber...."
Und wenn man drei mal antworten und erklären muss, während einem die geweichte Tapete einreißt, ist es schnell vorbei mit meiner Geduld.
In solchen Momenten muss ich daran denken, dass mir ich weiß gar nicht mehr wer mal gesagt hat, dass alle Töchter wie ihre Mütter werden. Meine Oma mütterlicherseits hat ihrem Sternzeichen immer alle Ehre gemacht. Als typischer Krebs galoppierte sie stets drei Schritte vor und zwei wieder zurück und nervte auf diese Art zeitlebens alle ihre Mitmenschen. Es wundert mich kein Stück, dass mein Opa schon mit 68 Jahren das zeitliche segnete...
Poor-Angel ist ein Stier.
Stur wie ein Panzer und arbeitswütig ohne Ende.

Und da komme ich mit meiner romantischen, freiheitsliebenden, inkonsequenten und leicht verrückten Art ihr ins Gehege.

Trotzdem bin und bleibe ich nun hier die Herrin des Hauses. Mein Wort ist Gesetz und zwar in allen Dingen. Ich richte mich ein, wie ich will und erziehe die Kinder wie ich will. Es ist vermessen hier als Gastspieler mir in die Parade zu fahren.
Wahrscheinlich sollte ich das lockerer sehen oder mit Humor nehmen.
Nun, das könnte ich wohl auch, wenn diese Situationen nicht so oft vorkommen würden und ich nicht nebenbei schon genug unter Strom stünde.

Kann sein, dass meine Mutter wieder verstärkt in die Mutterrolle zurück fällt, weil ich seit geraumer Zeit verstärkt auf ihre Mitwirkung und Hilfe angewiesen bin. Womöglich sieht sie nun in mir ein Objekt der Hilflosigkeit, welches es zu führen gilt. Ich wiederum sehe mich im Zugzwang zu beweisen, dass ich mein Leben im Griff habe. Umso schlimmer nun der eigenverschuldete Verlust meines fahrbaren Untersatzes. Von meinen sonstigen tollpatschigen Eskapaden ganz zu schweigen.

Wie gern würde ich sagen: Ich brauche keinen Mann. Ich brauche keine Bevormundung. Ich brauche keinen Anführer.

Aber immer wenn ich das denke, schieße ich den nächsten Bock.

Kein Wunder, dass Poor-Angel ihre Fittiche um mich legen will, obwohl sie selbst genug eigene Baustellen im Leben hat.

Wenn Töchter wirklich wie ihre Mütter geraten, dann bin ich echt ein armer Teufel












28.9.18 16:10

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