reflections

Galgenmännchen





Das Zerwürfnis liegt nun einen Monat zurück und mir kommt es schon vor wie eine Ewigkeit.

Wenn ich ihn mir nun vorstellen will, ist das Bild etwas blasser und nicht mehr so klar zu sehen.
Das Vergessen setzt ein.

Und dennoch...
...in besonders trostlosen Stunden bilde ich mir gerne ein, er würde wie ein Schutzengel an meiner Seite gehen und mich vor Schaden bewahren. Mich behüten. Auf mich aufpassen.
Und wenn ich Angst habe oder mutlos bin, flüstere ich noch oft seinen Namen und fühle mich dadurch ein klein wenig besser. ...und gleichzeitig schlechter...
Der Mensch ist fort, aber seine Aura ist noch halb präsent wie die Restwärme einer verloschenen Feuerstelle.
Oder wie das sanfte Glühen eines stillen Sterns, der einfach in kein Bild passen wollte.

Es ist keine Frustration.
Nicht mehr.
Es ist Melancholie.

Die Frustration hat mich gemeinsam mit Brander verlassen.

Doch ich weiß den schmerzlichen Verlust in altbewährter Manier hinter einer Maske der Euphorie und Fröhlichkeit zu verbergen.
Ich gehe tanzen, ich spiele mit den Kindern, ich lache und treibe Spott (ja, richtig: Spott! Nicht Sport. Nein, haha weiß Gott nicht....LOL), ich flirte und lerne und übe neue abendfüllende Handarbeiten.

Meinen ganzen Kummer, meine ganze Unsicherheit dränge ich ganz ganz gaaaaaaanz :-D weit zurück ans Ende meines Bewusstseins.

Und dennoch....
Es ist seither kein Tag vergangen, an dem nicht eine Sekunde der Unachtsamkeit mir eine Unglücksträne über die Wange laufen ließ.

Dann werd ich panisch, drehe laut Musik auf oder verfallen in einen geistesgestörten Fahrstil, oder ich singe laut vor mich hin oder betreibe sonstwelchen blinden Aktionismus.

Wenn es auf der Arbeit passiert, nehme ich ein Stück Papier, schreibe seinen Namen darauf und zerreiße es. Ich will ihn freilassen.
Ich will mir auch nicht länger einbilden, dass meine Gedanken ihn erreichen könnten, damit er auch an mich denkt.

Von seinen Exfreundinnen weiß ich nur soviel: dass er ihre Namen nicht ausspricht.
So werde wohl auch ich in die Geschichte eingehen, als eine von vielen, deren Namen nicht genannt werden.

Von der schönen Zeit, die wir hatten, ist in seinem Gedächtnis kein Platz. Er hat mich und all das Nette, was ich für ihn getan habe unwiederbringlich ausradiert und in kläglichem Männerstolz-Stil nur die Narbe übrig gelassen, die ich ihm zuletzt beigebracht hatte.

Ganz ehrlich, ich war versucht, es ihm ins Gesicht zu schreien. Ich wollte ihm sagen, dass er weder ein Opfer- noch ein Unschuldslamm ist! Und wie unfair es von ihm war, mir keine zweite Chance zu erteilen, nach allem was ich für ihn getan habe. Für ihn und alle Männer, die ich je auf Händen getragen und verehrt habe. All die Menschen, die immer nur mehr und mehr Chancen von mir verlangten und mich trotzdem enttäuschten.
Die Welt ist mir was schuldig geblieben und ich fühle mich betrogen.

Und gleichzeitig wollte ich mich zärtlich in sein Leben zurückschlängeln und mit Engelszungen auf ihn einreden, mich wieder unter seine wohlwollenden Fittiche zu nehmen.
Ich fasste sogar den Plan zu dem Herbstfest in das Wikingerdorf zu reisen, von dem ich wusste, dass er es besuchte. Ich träumte davon, mich heimlich nachts in sein Zelt zu schleichen und ihm wie ein Traum zu begegnen. Ihn zu küssen, ihn zu streicheln, ihn zu lieben, als hätte es nie etwas anderes gegeben als das Uns.

Aber es war illusorisch.

Ich fahre keine 500 km, um mich von ihm wie eine aufdringliche Hure aus dem Lager werfen zu lassen.
Er hätte mich angebrüllt und von sich gestoßen.
Und er hätte das ganze Dorf geweckt, um mich bloß zu stellen und zu erreichen, dass ich so etwas kein zweites Mal versuche.
Männer sind so.
Sie sind grausam.

Was kann ich also tun?

Ich tue was ich immer tue. Ich lenke mich ab. Ich weine ein bisschen. Ich teile Körbe aus, an arme selbstüberschätzte Trottel. Das Übliche.

Und ich schreibe.
Ich schreibe von meinen Gefühlen, meinen Gedanken und meiner Zerrissenheit, anstatt weitaus bedeutsamere Themen aufzuarbeiten, wie etwa, dass meine Mutter mal wieder ohne Fahrzeug dasteht, oder dass meine Tochter Sternchen ein Schulkind geworden ist. Dass ich mitten im Scheidungsprozess stecke und dass ich gerade mein letztes Hemd verkaufe, um mich aus den Schulden zu retten.

Tja, was soll ich sagen?

Die Schlinge zieht sich immer mehr zu.....
 






13.11.19 22:18

Letzte Einträge: Liebeskummer, Eine neue Hoffnung, Vade retro Satana, Sag mir endlich was du willst, Down

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