reflections

500 Euro für die Götter



An dem Tag vor meiner Abreise habe ich nochmal großzügig eingkauft und meine Wohnung aufgeräumt, in der Hoffnung, dass Halfdan mich vielleicht hier her begleiten würde.
Er hatte es nicht direkt versprochen, aber die Idee war seine gewesen.

Nach rund zweieinhalb Stunden war ich in Erfurt und fand auch ziemlich schnell den vereinbarten Treffpunkt.
Ich war überglücklich ihn wiederzusehen.
Ehrlich gesagt war ich nicht ganz sicher, ob mich nicht etwa ein Hexenprozess erwarten würde. Wir hatten uns nämlich zuletzt über whatsapp gestritten. Irgendwie habe ich ihn wohl irgendwann mal aus Versehen blockiert, so dass seine Anrufe automatisch abgelehnt wurden. Naja, aus Versehen nicht ganz. Aber aus Versehen vergessen wieder frei zu geben. Oder so...
Mir war das auch ein bisschen peinlich.
Ich konnte ihm nicht einmal mehr genau sagen, warum ich das mal tun musste. Ich glaube, das war schon ein paar Wochen her. Da war mein Exmann zu Besuch und ich hatte Angst, dass Halfdan anruft und mich in Erklärungsnot bringt.

Na jedenfalls schien er mich noch lieb zu haben.

Dann kam sein Kumpel und dessen Gefährtin zu uns auf den Parkplatz und wir begrüßten einander.
Ich war ein wenig wütend auf Halfdan, dass er mich bis zuletzt nicht aufgeklärt hat, wie der ganze Ablauf aussehen würde.
Alle sind einfach so wie selbstverständlich samt massenhaft Gepäck in meinen Wagen gestiegen und wollten von mir mitgenommen werden.
Die junge Frau lotste mich kreuz und quer durch die Innenstadt - hatte dabei allerdings eine solche Rechts-/Linksschwäche, dass ich sie am liebsten aus dem fahrenden Auto geworfen hätte.
Dann kamen von hinten die typisch männlichen klugen Bemerkungen betreffend meines Fahrstils....

Es war SO schön! -.-

Ich parkte in einer Tiefgarage beim Bahnhof und wir liefen zu Fuß weiter.
Da ich immernoch nicht wusste, was mich erwartete und welchem Event wir entgegen gingen, ließ ich einen Großteil meiner Ausrüstung im Kofferraum zurück.
Später habe ich das ein wenig bereuht. Ich hätte gerne mein Handarbeitszeug dabei gehabt.

Aber zuerst kamen wir am Hotel vorbei und checkten ein, damit wir schon mal eine Schlüsselkarte hatten. Es würde spät werden, bis wir zurück kämen.

Und dann ging es los.
Auf einem großen Platz trafen wir weitere Bandmitglieder.
Alle hatten mittelalterliche Instrumente bei sich und eine große Truhe voll CD's, die sie verkaufen wollten.

Im 20-Minuten-Takt hielten sie ihre Auftritte an mehreren verschiedenen Orten.
Die Leute waren begeistert.
Halfdan und ich machten Werbung für das Mittelalter. Wir machten Fotos, Videos und stellten uns in mittelalterlicher Gewandung zur Schau. Ich habe auch ein bisschen getanzt.
Halfdan allerdings hat Angst vorm tanzen und hat sich stoisch davor gedrückt.
Ansonsten habe ich nicht viel getan.
Ich habe der Musik gelauscht, Halfdans Haare geflochten, mit ihm geknuddelt und Händchen gehalten.
Zwischendurch haben wir auch mal Pausen gemacht und was gegessen und getrunken.
Mich hat es sehr gestört, dass alle - Halfdan nicht ausgeschlossen - permanent Bier saufen mussten! Das ging schon morgens um halb elf los.
Und ständig diese verständnislosen Mienen, wenn ich dankend abgelehnt habe.

Halfdan kam immer wieder zu mir und wollte vorsichtig gekrault werden. Sein Rücken ist frisch tätowiert und die Haut löst sich in Fetzen. Das juckt ihn.
Ich finde, das geschieht ihm Recht.
Menschen, die mehrere tausend Euro für schlecht gestochene Tattoos ausgeben, haben es nicht besser verdient.

Dann hat er mich allein gelassen und ist mit ein paar seiner Kumpels los gezogen, um Bier und Grillzeug zu organisieren.
Ich blieb mit einigen anderen Spielleuten zurück. Nach einer Weile nahmen sie mich mit zu einer Zitadelle, wo sich später alle wieder treffen wollten.
Es war bereits später Nachmittag und ich war komplett von der Sonne verbrannt. Meine Arme taten schrecklich weh.
Endlich konnte ich in den Schatten.

Ich war so müde, dass ich auf der Wiese schnell eingeschlafen bin.

Das Geräusch von raschelnden Chipstüten weckte mich schließlich.
Ich war hungrig und bediente mich. Die Spielleute unterhielten sich und ich hörte zu.

Ich war bereits sehr ungeduldig geworden, als Halfdan endlich mit dem Auto seines Kumpels ankam.
Gemeinsam bauten wir den Grill auf und er machte dann Feuer.
In dem Park bei der Zitadelle schien das wohl nicht verboten zu sein.

Nach dem Essen gingen Halfdan und ich ein Stück spazieren und sahen uns alles an. Besonders interessant fand er die alten verfallenen Gemäuer aus der Stasi-Zeit.

Ich dagegen fand ein paar Heilkräuter und einen Hasen, der sich wohl verirrt haben musste. Für mich in der Anblick eines Kaninchens in der Stadt nichts besonderes. Aber einen richtigen Hasen sieht man nicht alle Tage.
Halfdan war sehr nett zu mir. Er suchte immer wieder meine Nähe und genoss jeden zärtlichen Kontakt.
Und ich fühlte mich gut bei ihm aufgehoben.

Und dann ging mein Handy-Alarm los...
21 Uhr. Zeit für die Pille.
Voller Panik merkte ich, dass die Packung im Rucksack in meinem Kofferraum war. Jetzt hatte ich es sehr eilig.

Bis wir uns dann aber endlich von den anderen verabschiedeten war es aber schon 22 Uhr.

Zu Fuß führte ich uns das Stück des Weges zurück, welches ich mir noch hatte merken können. Den Rest fanden wir über sein Handy.

Am Auto holten wir erstmal unser Zeug und ich nahm die Pille.
Dann half er mir die Sachen zu tragen, bis wir am Hotel waren.

Im Zimmer angekommen überreichte ich Halfdan ein Geschenk: Eine grüne Mittelalter-Tasche und eine selbstgenadelte Mütze.
Er hat sich sehr darüber gefreut.

Halfdan baute einen Joint und wir gingen nach draußen, um in der Dunkelheit einen geeigneten Ort zu finden.
Leider war es rund um das Hotel wenig anheimelnd, so dass wir im Lichtkegel des Eingangsbereichts blieben um dort zu kiffen.
Auf einmal kam ein Typ in unsere Richtung.
Ich hab ihn mir nicht genau angesehn und kann ihn daher nicht mehr beschreiben. Ich glaube es war irgendwas Südländisches.
Halfdan schob mich schnell beiseite, als der Fremde schimpfend an uns vorbei stürmte und durch die Schiebetür in den Eingang des Hotels trat. Dort hatte er offensichtlich keine Chipkarte und konnte nicht weiter.
Da zückte er ein dickes Bündel Geldscheine und warf es gegen die Wand, dass die Scheine im ganzen Eingang verstreut lagen.
Es waren 50er, 20er, 10er und 5er. Insgesamt vielleicht 500 € oder mehr.

Halfdan und ich waren sehr erschrocken. Ich bekam sogar richtig Angst.
Zuerst glaubte ich an einen Versteckte-Kamera-Scherz. Dann kam uns der Gedanke, dass das Geld vielleicht gefälscht oder gar verflucht sein könnte.
Wir sahen uns an und waren uns einig, dass wir es nicht anrühren würden.
Ich sagte zu Halfdan, dass ich mir von den Göttern lieber eine glückliche Verbindung mit ihm wünsche.
Und auch er war der Ansicht, dass wir dieses Geld überhaupt nicht brauchten.
Er kehrte es beim eintreten mit dem Fuß zur Seite und wir ließen es leichten Herzens hinter uns.

Oben angekommen kam uns die Dusche wieder in den Sinn.
Als ich mich aber im Bad ausgezogen hatte, drückte er mich unvermittelt nach vorn über den Waschtisch und nahm mich von hinten.
Das kam ein wenig überraschend.
Und es tat ob seiner Länge auch wieder ein bisschen weh.
Irgendwann versagten meine Beine. Ich fühlte mich schwach und kaputt. Mein Kreislauf ließ mich im Stich.
Halfdan hob mich auf seine Arme und trug mich zum Bett.
Dort nahm er eine neue Stellung ein, die ich noch gar nicht kannte und die ich auch nicht so recht beschreiben kann, und machte weiter.
Es tat zwar immernoch weh, aber ich fühlte mich deutlich besser im Bett.
Es dauerte auch wirklich nicht lange, da war er fertig.
Ich fragte, ob es sich ohne Gummi jetzt anders anfühlt und er nickte ohne zu zögern und meinte dass es einen großen Unterschied mache. Er könne jetzt sehr viel mehr spüren: wenn ich enger werde, wenn ich feucht werde, etc.

Endlich endlich folgte das langersehnte gemeinsame Duschen, worauf er ganz besonders viel Wert legt.
Ich weiß nicht. Bin ich jetzt doof, wenn ich sage, dass ich lieber alleine dusche?
Naja, es macht mir nichts aus, das Wasser mit ihm zu teilen, aber es bringt meine ganze heilige Reihenfolge durcheinander...

Nach dem Abtrocknen streifte ich nur ein leichtes Nachthemd über und ging noch einmal mit ihm nach unten, um im Hinterhof diesmal mit ihm zu rauchen.

Dann gingen wir ins Bett und machten den Fernseher kurz an.
Ich aß ein paar Kekse, krümelte alles voll, wurde dann müde und ging Zähne putzen.
Als ich zurück ins Bett stieg, schlief Halfdan schon.

...

Am nächsten morgen hatten wir Ärger mit dem Frühstück.
Halfdan hatte vergessen das bei seiner Reservierung mit zu buchen und ich war ein bisschen verstimmt deswegen.
Es bedeutete nämlich, dass wir etwas früher als gedacht auschecken mussten.
Nix mit ausschlafen oder nochmal kuscheln oder Sex....
Der Herr brauchte nämlich seinen Kaffee!

Ich beeilte mich. Packte mein Zeug, zog mir zivile Sachen an und machte mich im Bad ein wenig zurecht.
Ich hätte mir gern eine schönere Frisur gemacht, aber ich konnte nicht, weil ich ja gehetzt wurde.
Dieser Mann ist UNMÖGLICH!
Ständig sind wir auf der Flucht! Der kann aber keine ruhige Minute genießen...
Vielleicht sollte er mal weniger Drogen nehmen?

Wir checkten also aus, brachten das Gepäck in mein Auto und suchten uns ein Straßencafé wo wir frühstücken konnten.
Ja, das wieder schön!
Das Frühstück war sehr aufwändig und liebevoll zubereitet.
Mit Rührei, Brötchen, Marmeladen, Wurst, Käse, Obst und Rohkost.
Ich war sehr sehr seeeeehhhhhhr glücklich!!! Auch der Kaffee und der frische Orangensaft waren toll.
Ich glaube dieses Frühstück war das beste an meinem ganzen Trip in den komischen Osten. Es war sogar besser als der Sex gewesen.

Dannach brachte ich ihn zu seinem Auto und wir fuhren Konvoi nach Eisenach.
Ziel war die Wartburg.

Auf dem Parkgelände haben wir uns rasch wieder die Kostüme angelegt und haben der Burg die Show gestohlen.
Alle waren begeistert von uns.

Den Eintrit in die Burg habe ich bezahlt. Es war mir ein Bedürfnis ihn auch mal einzuladen.
In der Burg gab es einen Saal wo alles golden geglitzter hat! Das fand ich sehr eindrucksvoll!
Auch der Rest war zum Staunen.
Ich habe viele Fotos gemacht.

Nach dem Rundgang wollte ich sehr gerne mit ihm zur Sängerwiese pilgern, um mit ihm noch ein paar letzte Stunden zu chillen. Auch hatte ich diesmal Wolle dabei und wollte unbedingt Maß nehmen, um ihm anständige Socken zu binden.
Allerdings ist dieser unmögliche Mann EINFACH NICHT IN DER LAGE zu chillen!
Ich weiß nicht warum, aber er fand es vergnüglicher mich KILOMETERWEIT durch den ganzen VERDAMMTEN WALD die BESCHISSENEN BERGE RAUF UND RUNTER zu jagen!
Meine Oberschenkel waren unter dem Kleid am Ende so wund, dass ich sie mit meinen Armwickeln bandagieren musste.
Vielleicht hatte der arme Mann ja Angst, ich könnte ihn noch einmal Verführen????
Ich weiß ja auch nicht....
Schließlich hat ER doch darauf bestanden, dass ich ohne Unterwäsche rum renne, dass mir die Feuchtigkeit die Schenkel runter läuft!
Und ich blöde Kuh, nehme auch noch ihm zuliebe die beschissene Pille!
Ich frage mich nur langsam, wofür überhaupt???
Tja, konnte ja keiner Ahnen, dass manche Männer ihre Muskete erst mal wieder wochenlang nachladen müssen.... Oh Mann, Fuck!
Zumindest hatte ich Schmerzen beim laufen. Und er war Schuld daran.
Es war NIE  geplant gewesen, eine solche Gewalttour von 6 VERFLUCHTEN STUNDEN in mittlalterlicher Gewandung zu machen!
Auch das war seine Schuld!
Außerdem hätten wir uns bestimmt nicht verlaufen, wenn er vorher mal eine Karte besorgt oder wenigstens gespeichert hätte.
Im Wald hatten wir jedoch keinen Empfang mehr.
Meine armen Schuhe! Die sind vom Schotter jetzt ziemlich in Mitleidenschaft gezogen...
VIELEN DANK!!! VIELEN SCHMERZLICHEN DANK!!!!!!

Wen wundert es da, wenn ich vielleicht irgendwann auch mal etwas zickig wurde?
Aber das hat ihm dann gar nicht gefallen und er wurde sehr ernst und wies mich mit aller Strenge zurecht.
Daraufhin sagte ich eine Weile gar nichts mehr. Ich schmollte und beschäftigte mich mit meinen eigenen Gedanken.
Außerdem war ich voll wütend.

Als er merkte, dass ich ihm nicht mehr antwortete, schnappte er mich am Gürtel, drehte mich zu sich um und zwang mich ihn anzusehen. Er wollte, dass ich mich erwachsen benehme. Er fragte auch, ob wir umkehren sollten.
Das war nicht fair.
So kurz vor dem Ziel war ich zu neugierig um umzukehren!

Nur wenige Minuten später fanden wir den Eingang in die Drachenschlucht.
Es war wunderschön!
Steil aufragende und mit dickem Moos gepolsterte Felshänge an denen unablässig Wassertropfen herunter rannen. Da und dort ein paar kleinere Wasserfälle und interessante Felsformationen.
Und überall in der Schlucht ein feuchtkühles herrliches Klima.
Sogar eine fluoreszierende Algenart habe ich entdeckt!
Auch hier konnten wir wieder viele tolle Fotos machen.

...

Als wir zu unseren Autos an der Wartburg zurück fanden, war es bereits Abend und wir mussten uns rasch verabschieden, weil er es eilig hatte.

Ich stand da mit sehr gemischten Gefühlen.
Sicher, es war nicht alles so gelaufen, wie ich es mir erträumt hatte.
Aber er hatte die ganze Zeit gut auf mich aufgepasst und mich mehrfach festgehalten, wenn es unterwegs steil und rutschig geworden war.
Ohne Wanderschuhe und auf flachen Mittelaltersohlen bin ich einfach nicht so trittsicher unterwegs wie bei meinen sonstigen Wanderungen.
Ich war traurig, dass wir uns wieder für zwei Wochen trennen mussten.

Er gab mir zum Trost ein T-Shirt von sich mit.
Damit konnte ich knuddeln wenn ich einsam war, denn es roch noch ein bisschen nach ihm und das war gut.

Eine Zeitlang fuhr ich hinter ihm her, bis unsere Navis uns in verschiedene Richtungen lotsten.
Am Ortsende sah ich plötzlich seine Lichthupe im Rückspiegel und er war hinter mir.
Ich schöpfte Hoffnung.
Vielleicht hatte er es sich überlegt und würde mir folgen?

Doch als ich auf die Autobahn Richtung Frankfurt abbog, trennten sich unsere Wege wieder und ich musste damit leben.

Später hat er mich noch angerufen und mir gesagt, dass er einen Augenblick lang mit dem Gedanken gespielt hatte, mir zu folgen. Und er schalt sich einen Esel, dass er es nicht getan hatte, denn er vermisste mich.
Das fand ich voll süß.

Daraufhin habe ich meinen Facebookstatus auf Beziehung umgestellt.


Meine Götter, wo soll das alles nur hinführen?


6.7.20 21:38

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