reflections

Wenn Motoren und Herzen brechen



Ich hatte Halfdan so sehr gebeten mich wenigstens während der Arbeitszeit in Ruhe zu lassen....
...er hat es nicht fertig gebracht.


Eine meiner letzten Nachrichten an ihn war ein verzweifeltes Mittelfinger-Emoji.

...

Als ich dann mittags heim kam, habe ich noch bevor ich die Kinder begrüßte oder was aß oder rauchte, Halfdan angerufen, um ihn nicht unnötig warten zu lassen.
Ich fragte ihn, ob er beginnen wolle oder ich.
Er wollte, dass ich beginne.
Ich sprach ziemlich genau einen Satz und dann legte er auf und löschte meine Nummer und blockierte mich auf Facebook.
Per Whatsapp kann ich ihn also nicht mehr erreichen.

Was ich gesagt habe?

Ich sprach sehr sanft und langsam und ruhig.
Ich erklärte, dass es mir leid tut, aber es einfach nicht schaffe, mit seiner Art fertig zu werden und dass ich mich - auch wenn es egoistisch klingt - damit nicht länger belasten kann.
"...Ich kann es einfach nicht. Dafür bin ich nicht stark genug. Ich hoffe, dass du das verstehst."
Dann war die Leitung tot.

Ich ging in Facebook und beobachtete, wie er erst den Beziehungsstatus änderte, dann von meiner Freundesliste sprang und mich schließlich blockierte.
Ich nickte dazu und löschte ein paar seiner Bilder und Kommentare, bis es halbwegs vertretbar war und schrieb ihm, dass ich sein T-Shirt morgen zur Post bringen würde.
Die Nachricht kam nie an.
Er schickte eine SMS, dass er sein T-Shirt zurück haben wolle und dass er mir all die Sachen zurück schicken würde, die ich ihm mal geschenkt habe.
Das war dumm von ihm.
Ich schrieb, er solle die Sachen behalten.
Er antwortete, er wolle aber nicht.

Dumm.
Einfach nur dumm.

Ohne die grüne Umhängetasche wird er wieder sein Zeug in Alditüten durchs Mittelalter tragen.

Dumm!
Dummer dummer Junge.

Die genadelte Mütze wollte er auch nicht mehr haben und die maßgefertigten Socken sollte ich behalten.

Ich sprach, er solle sich das gut überlegen.

Er wollte nicht überlegen.

Ich habe die Socken noch mal ausgibig vermessen und Brander gefragt, ob er Interesse hätte.
Irgendwie dachte ich, er hätte mal vor langer Zeit davon gesprochen, dass er sich sowas wünschen würde.
Naja, falsch gedacht. Er lehnte dankend ab. Die Größe hätte wahrscheinlich eh nicht gestimmt.
Aber immerhin war er höflich.

Hab die Dinger dann binnen einer Stunde für 20 Euro an einen Fremden verkauft.
Das entspricht einem Stundenlohn von etwa, 1 €, wenn man die Materialkosten berücksichtigt.
War mir egal.
Ich wollte, dass jemand sich freut und glücklich wird.
In meinen Handarbeiten steckt immer viel Liebe und Sorgfalt.
Andererseits ist es aber immer auch ein Risiko, Kleidung für Fremde zu machen.... Die Edda drückt es sehr schön aus:

"Schuhe nicht sollst du noch Schäfte machen für andere als für dich: Sitzt der Schuh nicht, ist krumm der Schaft, wünscht man dir alles Übel."

Egal, was solls!

Als das erledigt war, schrieb ich den Clans-Chef vom Chattenland an und beichtete, dass ich nun keine Belgeitung und auch kein Zelt mitbringen könne.
Er und seine Gefährtin trösteten mich und versprachen mir ein Rundzelt für mich und meine Kinder. Ich sollte nur für einen Schlaf-Untergrund sorgen.
Da muss ich mir was einfallen lassen, denn ich habe nichts... :-(

Auf Facebook postete ich einen lockeren Witz über Gespräche, die sich wie zwei Tage Kreisverkehr anfühlen und das war dann das Ende von Kapitel Halfdan.

...

Pünktlich um 15 Uhr kam Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt zwecks Umgang mit den Kindern.
Ich habe Kaffeestückchen geholt und Kaffee für ihn gekocht.
Dann traf mich die Hiobs-Botschaft. Sein Manta ist verreckt. Der steht jetzt hier irgendwo ein Stück weit entfernt mit massivem Motorschaden.
Ich war geschockt und sprach ihm mein ehrliches Mitgefühl aus. Sofort suchte ich in meinem Zauberhandy nach einem 1,9 Liter Motor für A-Manta GT/E.
Die kosten leider mehrere tausend Euro.
Mein Ex-Mann war am Boden zerstört.
Ich bot ihm finanzielle Unterstützung an, doch er winkte ab.

Der Nachmittag war entspannt.
Nach dem Kaffee holte ich das Zigaretten-Päckchen, welches ich für Halfdan gekauft hatte und ließ meinen Ex-Mann erst mal eine rauchen.
Wir redeten über sein Auto und ich hörte ihm zu. Hörte mir die Geschichten an, wo er mit dem Ding schon überall war und welche besondere Beziehung zu jedem einzelnen verbauten Teil bestand. Der Motor war noch Original. Und irgendwas von seinem Opa war auch verbastelt. Ich weiß nicht mehr. Er hat so viel erzählt.
Ich war um Trost bemüht.
Ich versprach ihn, ihn gemeinsam mit den Kindern abends heim zu fahren. Und ich schenkte ihm den Kasten Bier (den ich auch für Halfdan gekauft hatte...).

Gegen Abend hatte er so starke Kreuzschmerzen, dass die Tabletten, die er ununterbrochen nahm, nichts mehr nützten.
Ich holte mein Mohnblüten-Öl-Mazerat und massierte 20 Minuten lang sämtliche schmerzenden Verspannungen und auch die entzündeten Bandscheiben im Lendenbereich. Letztere ganz ganz vorsichtig.
Ich empfahl ihm in Rückenlage zu schlafen und einen Wasserkasten unter die Beine zu klemmen, damit die Wirbel sich wieder richten können.
Das wollte er tun.

Es war bereits nach 20 Uhr als ich ihn heim brachte und ihm den Bierkasten ins Haus trug.
Ich umarmte ihn und sagte ihm nochmal, wie leid mir das mit dem Manta tat.

Er tätschelte mir den Rücken und bedankte sich für alles. Dass ich ihn gefahren hatte und für das Essen und das Bier usw.
Ich lächelte und meinte, das sei keine große Sache. Das würde er doch alles für mich auch tun.
Und er nickte. "Ja, du kennst mich doch."

...
Ja, ich kenne dich.
Ich kenne dich aber auch anders.
Ich kenne dich als jemanden, der mich 10 Jahre hat weinen lassen. Leiden. Und verzweifeln.

Und dennoch:

Ich bin zwar selbst keine Heilige, doch ich werde immer da sein, wo ich gebraucht werde.

 


"Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet aber sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet. Denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder...."


- Jules (Samuel L. Jackson), Pulp Fiction - bzw. Hesekiel 25,17, Schriftprophet 6. Jahrhundert vor Christus, Altes Testament

29.7.20 23:04

Letzte Einträge: Von Gefährten und Fellmäuschen und verkanntem Zauber, Mein Fehler, Sauer, Der Gang nach Canossa, Die Chatten

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