reflections

Die Chatten


kurz vorweg:
Nachdem Halfdan sein T-Shirt zurück bekommen hatte, hat er die Tasche vom Ritterladen und die von mir nadelgebundene Mütze weg geworfen.
Das war das letzte mal, dass ich für einen Mann eine Handarbeit gefertigt habe.


...

Die vergangenen drei Tage, Freitag, Samstag, Sonntag, habe ich als Lager-Gast beim Stamm der Chatten (es wird "Katten" ausgesprochen) verbracht.
Es ist keine Sipppe, sondern ein Stamm und es gibt keinen Jarl sondern eine faire Demokratie, bei der alle gemeinsam betimmen.
Wenn es einen Anführer gäbe, so wäre es wohl Alvin, dem das Equipment und das Grundstück gehören und der die ganze Planung und Organisation übernimmt.
Er und seine Gefährtin sind sehr nett und auch die übrigen Mitglieder gefallen mir. Die Athmosphäre ist ziemlich locker und es wird viel Spaß gemacht.
Trotzdem ist die ganze Angelegenheit dort vom nötigen Ernst geprägt, wenn es um die Götter geht.
Anders als bei Branders Sippe wurde ich dort in alles mit einbezogen und mir wurde viel erklärt und erzählt. Ich war kein Außenseiter.
Mir wurde sogar die hohe Ehre zuteil, bei einer der heiligsten Zeremonien, einem sogenannten Blót mitzumachen.
Dafür gingen wir zu einem eigens für solche Begebenheiten auserwählten besonderen Ort, wo ein Feuer entzündet und der Platz geweiht wurde.
Für die Weihung wurden die Götter angerufen und eingeladen und Alvins Gefährtin hat den Kreis mit Räucherkräutern gereinigt.
Es folgte eine Reihe "Gebete" die sich sowohl auf die Edda als auch auf die aktuelle Situation in Midgard beziehen.
Sodann wurde ein Horn voller Met reihum gegeben und jeder trank einen Schluck und durfte einen Wunsch oder einen Dank aussprechen, ehe er den Asen und den Vanen Heil aussprach und das Horn weiterreichte.
Ich habe den Göttern gedankt für all die positiven Veränderungen, die sie bewirken und für alles was ich lernen durfte.
Zuletzt wurde das Horn gen Norden gewandt und über den immergrünen Zweig einer Eibe geleert, als Opfer für die Götter.
Es heißt, dass der Weltenbaum Yggdrasil in Wahrheit eine Eibe und keine Esche sei. Ein Übersetzungsfehler in den Überlieferungen sei Schuld an dem Missverständnis.
Es wurden auch meine Haferkekse geopfert, um den Kleinsten zu danken, dass wir den Platz nutzen durften, den sie beschützen.
Damit werden wohl Erdgeister, Disen, Alben, Zwerge oder Naturgeister gemeint gewesen sein.
Zuletzt wurden auch alle Götter wieder bedankt und verabschiedet.

Ich will hier keine weiteren Zitate oder nähere Beschreibungen einfügen, weil sich das irgendwie nicht gehört.

Was bei einem Blót genau passiert soll nicht weitere Dokumentiert werden.

Allerdings könnt ihr mir glauben, dass sich nicht nur die Stimmung nach Anrufung der Götter änderte.
Er änderte einfach alles.
Vor allem den Blick. Mir kam es plötzlich sehr viel dunkler vor. Als würde der Schein des Feuers von Schatten gedämpft.

Ich bin in mich gegangen.

Lange Zeit habe ich Thor nicht unbedingt als einen meiner Lieblings-Götter angesehen. Er ist mir den Männern zu ähnlich, die immer zu stark für mich waren.
Tatsächlich aber suche ich mir immer wieder starke Männer aus, weil sie mich magisch anziehen.
Es ist eine Stärke - eine Kraft - welche die  oberflächliche Wahrnehmung ausschließt. Es ist das gewisse "Etwas", für das viele Menschen keine Erklärung finden. Lange glaubte ich, es sei eine durch Lebenserfahrung gewonnene Souveränität gepaart mit einem in die Wiege gelegtem Charisma.
Heute denke ich, dass jene besonderen Männer mit dem gewissen "Etwas" sich durch ihre Taten die Gunst der Götter verdient gemacht haben.
Und die Männer, auf die ich immer wieder anspringe, sind ausnahmslos Lieblinge Thors.
Es sind die Männer unter den Männern.

Brander war so ein Mann.

Und als ich Alvin erblickte, konnte ich auch bei ihm diese besondere Form der Attraktivität sehen, welche seine 49 Jahre und jede andere Äußerlichkeit vergessen machten.

Halfdan war nie ein solches Medium gewesen.
Er war eine schöne Hülle mit einem schwachen Geist. Ein goldener Kelch mit einem sauren Wein.

Und mir wurde klar, dass meine Bewunderung, mein Respekt und meine Ehrerbietung - ja, sogar meine Liebe - in Wahrheit einem Gott gebührten, den ich in meinem Gebeten immer beflissentlich ausschloss, weil ich seinen Jähzorn und seinen Hass gegen Hexen nicht verstand.
Und dennoch...
Seine Kraft ist es, die mein Herz höher schlagen lässt.
Seine Kraft, die einen Mann mit der Faust auf den Tisch schlagen lässt; die ihm Durchsetzungsvermögen und oft auch körperliche Stärke angedeihen lässt. Ihn für alle sichtbar zum Anführer macht.
Der Inbegriff seines Egos.

Solche Männer wissen zu überzeugen.
Es sind keine Machos. Keine Poser.

Sie sind authentisch.

Und Alvins Gefährtin darf sich glücklich schätzen einen solchen Mann an ihrer Seite zu wissen.
Da sie selbst kein schwacher Charakter ist, harmonisieren die beiden ganz gut und zeigen ihre Zuneigung für einander gern und ungehemmt.
Ich würde ein solches Bündnis niemals gefährden, das ist klar.
Aber ich stelle mir gern vor, dass es ein Segen für jede Frau sein muss, wenn er sich hart in ihr Becken drängt und ihr in einem beinahe heiligen Akt etwas von sich gibt, um ihren Schoß zu weihen.

So ähnlich hat es sich bei Brander angefühlt.
Es war göttlich.

...

Über meinen Ausflug bei den Chatten gäbe es noch eine Reihe mehr zu berichten.
Meine Kinder hatten wohl ihren größten Spaß im Swimmingpool und bei Nägel ins Holz klopfen.
Wir Erwachsenen haben das Nagelspiel ohne Hammer gepsielt. Dafür mit der scharfen Seite einer Axt.
Das war lustig.

Am letzten Tag hat einer der Männer sich seine Rüstung angelegt, damit die Kinder ihm mit Holzschwertern, Äxten und Pfeil und Bogen nach Herzenslust maltretieren konnten.
Armer Kerl. Da stand er in schwarzem Gambeson, dem 15 Kilo Kettenhemd, Polsterhaube, Brillenhelm, wollener Thorsberghose, Wadenwickeln und Stiefeln bei 35 Grad in der Sonne und wurde von der johlenden Meute gehackstückt.
Sogar Alvin schoss ein paar Larp-Pfeile auf ihn.
Ich musste unweigerlich an Balder denken und hielt besorgt nach einer Mistel Ausschau.^^
Dieser Mann mochte zwar rein äußerlich nicht unbedingt mein Typ sein, aber ich steh wahnsinnig, auf Männer, die mit Ihren Taten zu beeindrucken wissen.
Früher oder später fallen solche Männer auch den Göttern ins Auge.
Ganz ähnlich ist auch meine Ambition: Ich hoffe, dass meine Leistungen und meine Bemühungen eines Tages dazu führen, dass die Götter mich lieben.

Als das Spielchen auf der Wiese vorbei war und die Kinder mit Siegesgeschrei und Durst zurück ins Lager stürmten, half ich dem Mann aus seiner Rüstung.
Bei der Gelegenheit habe ich ihm auch gesagt, was für eine tolle Aktion das gewesen war. Wir kamen ins Gespräch und im Zuge dessen wollte ich wissen, ob er mich tags zuvor beim Nagel-Spiel mit der Axt gewinnen hatte lassen. Er wollte es nicht gern zugeben, aber er hatte absichtlich ein paar mal daneben geschlagen.

Wir haben Nummern getauscht und bleiben seither freundlich in Kontakt.
Er will mir evtl. helfen in eine bessere Schwertkampfausbildung einzusteigen. Er kennt zufällig einen guten Lehrmeister von der Ronneburg. Dort könnte ich die gängigen Kampfstile erlernen.

...

Am Tag der Abreise ging es mir nicht gut.
Die Hitze und der stressige Abbau haben mich ziemlich fertig gemacht.
Außerdem war ich in der Nacht übel zerstochen worden von irgendwelchem üblen Ungeziefer. Ich musste deswegen sogar in die Apotheke, weil die Stiche oder Bisse ziemlich heftig sind.
Fünzig Stück habe ich gezählt. Sie jucken sehr viel schlimmer als Mückenstiche und haben allesamt eine rote Wolke um den Einstich herum.
Vielleicht sind es Kriebelmückenstiche, vielleicht aber auch Windpocken.
Die Kinder haben nichts abgekriegt.

...

Nachdem das ganze Spektakel überstanden war, habe ich meinen gewöhnlichen Facebookpost dazu verfasst.
Einmal auf meinem Profil und einmal im Virtuellen Mittelaltermarkt.
Kaum eine Viertelstunde später hatte ich mehrere Sprachnachrichten von Alvin, dass ich das bitte sofort wieder löschen soll.
Er will nicht, dass sein Grundstück mit der Halle veröffentlicht wird, weil bereits zwei mal versucht wurde, bei ihm einzubrechen.
Ich weiß zwar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat, aber ich hab den Post aus der Gruppe entfernt.
Die Posts auf meinem Profil allerdings habe ich lediglich dahingehend verändert, dass er sie nicht mehr sehen kann. Die Fotos sind nun nur noch für Freunde sichtbar, außer eben jenen, die diesem Stamm angehören.
Was keiner weiß, macht keinen heiß.
Ätschi.

Wie ich das liebe, wenn Leute meine Freiheiten beschneiden müssen....

Will ich wirklich darum bitten, Mitglied eines Stammes zu werden, wo ich nicht mal mein soziales Umfeld an meinem Leben teilhaben lassen darf?

Ich weiß es nicht.

Das kommt dann wohl auf meine Prioritäten an.

Außerdem habe ich das nicht zu entscheiden.




11.8.20 00:47

Letzte Einträge: Es schläft ein Lied in all den Dingen…, Was klagt was lobt man doch?, ...und mit Geistesstärke tu ich Wunder auch, Besser Brettchen im Rahmen, als vorm Köpfchen, I will go down with this ship

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