reflections

Gefallener Engel


Am Donnerstag war Fightpractice.
Statt Prügelei stand diesmal allerdings Technik und Theorie auf dem Lehrplan.
Muss auch mal sein.

Am Freitag war in der Kanzlei die Hölle los.
Die Mutter meiner Chefin war positiv auf Corona getestet worden, woraufhin ich umgehend nach Hause geschickt wurde.
Morgen darf ich allerdings wieder zur Arbeit kommen. Meine Chefin wurde ins Homeoffice verbannt.^^
Sie hatte letzten Mittwoch Kontakt zu ihrer Mutter und muss daher in Quarantäne.
Lustigerweise teile ich mir morgen das Büro mit ihrem Mann, was die ganze Aktion ehrlich gesagt ad absurdum führt.


Am Wochenende hätte mein Exmann eigentlich Umgang mit den Kids gehabt. Aber nachdem er die Story gehört hat, wollte er nicht meine Wohnung betreten, geschweige denn, die Kinder nehmen.
Er ist schon immer ein Feigling gewesen.


Statt dessen kam am Samstag Zadkiel zu mir.
Nach dem Frühstück führte ich ihn und meine Töchter zu den heiligen Steinbrüchen.
Ich war überzeugt, dass ein hellsehendes Medium wie er den magischen Ort zu schätzen wissen würde.
Und natürlich hoffte ich, dass wir den Ort gemeinsam reinigen könnten.
Ich hatte extra weißen Salbei zum räuchern dabei.

Als wir am Ufer ankamen, warf ich zuallererst Gepäck und Kleidung ab und ging schnurstraks ins Wasser.
6 Grad. Vielelicht 7.
Ich tauchte bis zum Kinn hinein und tat ein paar Schwimmzüge.
Auf einmal merkte ich eine seltsame Lähmung in all meinen Muskeln und ich beeilte mich schnell zurück ins flache Wasser.
Als ich raus kam fühlte ich mich wie neugeboren.
Es ist unglaublich.
Ich konnte völlig schmerzfrei über Steine laufen und spürte nicht mal den kalten Wind auf meiner Haut.
Die Reibung des Handtuchs war dumpf durch einen Vorhang absoluter Taubheit zu spüren und erinnerte an Schmirgelpapier auf eingeschlafenen Gliedmaßen. Pieksend. Aber gleichzeitig betäubt.
Ich hatte es nicht eilig mich anzuziehen. Ich war immun gegen jede Art von Schmerz und Kälte. Ein grandioses Gefühl!

Aber ich bin intelligent genug zu wissen, dass ich eine Unterkühlung riskierte. Und so packte ich mich wieder warm ein.
Was blieb war Euphorie.

Ich verbrannte das Räucherwerk und genoss die Athmosphäre.
Die Kinder spielten schön und zankten sich um ein paar mitgebrachte Spielsachen.
Ich gab Sternchen ihr Schnitzmesser und ließ sie einen Ast anspitzen.

Später umrundeten wir den See und stiegen an anderer Stelle wieder hinauf, um den Wald wieder zu verlassen.

Zadkiel blieb übernacht.
Ich war wieder bemüht seine Leiden zu kurieren, aber ich schaffte es auch diesmal nicht, ihm einen Orgasmus zu schenken.
Doch zumindest wurde er diesmal über mehrere Minuten hinweg steif.
Das ist schon mal ein Teilerfolg.

Und ich dachte immer, Sexualmagie sei meine Stärke....
Hm.

Es muss ein starker Fluch auf ihm liegen.


Heute dann das nächste Drama: Sternchens Messer ist weg! Verschwunden! Spurlos!
Überall gesucht... Nichts!
Sie hat es im Steinbruch verloren.
* augenroll *

Der-Mit-Zwei-Jobs-Tanzt wird mich umbringen.
Es ist schon das zweite Messer, das er ihr besorgen musste. Außerdem hatte er es graviert.
Mich hat das ganze ziemlich bedrückt. Auch weil ich weiß, wie Sternchen sich fühlen musste. Ich habe letztes Jahr auch ein Messer verloren. Es war ein ganz besonderes. Brander hatte es selbst gefertigt.
Ich habe bis heute keine Ahnung, wie es abhanden gekommen sein könnte.
Zadkiel hatte es heute bereits am frühen Nachmittag eilig mich zu verlassen.
Das machte mich stutzig und ich wollte ihm das Versprechen abnehmen, dass er nicht zu den Steinbrüchen führe, um das Messer dort zu suchen.
Er weigerte sich, dieses Versprechen zu geben und ich wurde sauer.
Erstens war es ein weiter Weg. Zweitens ist der Weg nach dort nahezu unkenntlich und nichts besseres als ein laubbedeckter Wildwechsel.
Drittens war der Abstieg an einigen Stellen äußerst steil und rutschig. Der Handyempfang gleich null. Und es war Wildschweingebiet.
Ich konnte ihn nicht überzeugen.
Er wollte unbedingt.
Um 15:20 fuhr er los.

Um 16:30 begann ich ihn anzurufen.
Funkloch. Mailbox.
Um 17 Uhr bat ich meine Mutter die Kinder zu hüten, weil ich seine Leiche suchen gehen wollte.
Um kurz vor sechs kam dann ein Lebenszeichen von ihm.
Die Verbindung war schlecht und ich konnte ihn kaum verstehen, aber er sagte: "Wir sind noch an den Steinbrüchen. Aber ich habe das Ziel noch nicht erreicht."
Ich war ganz erstarrt: "Wer wir???"
Dann kurze Pause.
Er: "Ich meinte nur mich. Ich führe Selbstgespräche. Ich melde mich, wenn wir am Auto sind."
Und legte auf.


Und jetzt gibt es etwas, das ich vielleicht erwähnen sollte:
In der gesamten Zeit, die Zadkiel im dunklen Wald verbrachte, hatte ich unverhofften Whatsapp-Kontakt mit Brander.
Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, er hat Ärger im Paradies.
Er spielt mit dem Gedanken ans Nordkap zu reisen.
Allein.
Und während wir einander schrieben spürte ich, dass meine ganzen Gefühle für ihn immernoch da waren.
Sie hatten nur geschlummert.
Und ich musste an Zadkiel denken.
Zadkiel, der wahnsinnig in mich verknallt war, mir Blumen und Geschenke brachte und in die finstersten Wälder pilgerte, um gefällig zu sein.
Und dennoch.
Es ist nicht zu vergleichen.
Ich könnte Zadkiel niemals lieben.
Ich empfinde nichts für ihn.
Genauso aber könnte ich Brander niemals aufhören zu lieben.
Es ist unmöglich.

Ich kann nur mit gebührendem Abstand allen Dingen ihren Lauf lassen. Ich lasse Brander sein Leben in aller Ruhe und Frieden führen.
Ich lasse Zadkiel von seinen Plänen mit mir als seiner Zweitfrau träumen.
Am Ende sind wir alle nur Spielball der Götter.
Das Schicksal mischt die Karten.
Ich glaube, ich hab da keinen Einfluss auf das Spiel.

Ich geh einfach nur mit.

Und während ich da saß und über alles nachdachte, klingelte es an der Tür.
Ich schnappte mein Nudelholz, riss die Tür auf und zog Zadkiel am Schlafittchen in meine Wohnung.
"Was zum Kuckuck hast du so lange in den Wäldern getrieben?"
Er hob die Hände und grinste dämlich.
Das Messer hatte er zwar nicht gefunden, dafür aber eine ganze Reihe ruheloser Seelen von Menschen, die dort ihr Leben gelassen hatten.
Ich ließ das Nudelholz sinken. "Hast du ein junges Mädchen gesehen?"
Er nickte.
Ich schluckte.
"Wenn ich gewusste hätte, was du dort wirklich vor hast, hätte ich es dir erzählt."
Er wollte wissen, wie sie ums Leben gekommen war und ich zog ihn in die Küche, um ihm eine Schüssel heißer Kartoffelsuppe mit Rindfleisch in die Hand zu drücken. Währen er aß, erzählte ich ihm alles was ich wusste.
Anschließend wollte er zärtlich werden, aber ich wollte nicht.
Er fragte was los sei und ich sagte ihm, dass ein Exfreund sich gemeldet hat und meine Gefühle ein wenig durcheinander geraten waren
Ich sagte ihm auch, dass ich diesen Mann noch immer sehr verzweifelt liebte und dass meine Depression darin gründete.
Zadkiel wollte wissen, ob Brander mittlerweile neu liiert sei.
Und ich nickte. "Er hat eine Frau gefunden, die er von Herzen liebt und er will mit ihr zusammen ziehen."
Zadkiel streichelte zärtlich meine Schultern und sah mir fest in die Augen. "Ich kenne das. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich hab genau das gleiche hinter mir. Es wird dich vielleicht niemals gänzlich loslassen, aber du musst trotzdem deinen Weg weiter gehen."
Ich drückte ihn von mich.
Auf einmal war er mir unerträglich.
Ich deutete auf die Tür. "Es tut mir leid, aber ich möchte jetzt gern allein sein. Bitte geh."


Er sah mich einen Augenblick seltsam an.
Dann drehte er sich abrupt um und ging mit schnellen Schritten hinaus.

Ich drückte meine Stirn gegen den Küchenschrank und verfluchte alle Götter.




22.11.20 20:57

Letzte Einträge: Die lieben Kinderchen, Gotta find my way, Frohes neues Bla, Ich liebe dich, Existence is pain, Gefallener Engel

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen


Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung